Von Cornelia Rother, 2011

Melle Torri, Dezember 1898 im orientalischen Kostüm

Wäre es nicht wunderbar, hätte der Bauchtanz eine Jahrzehntausend alte Entstehungsgeschichte? Fänden wir seinen Ursprung in den religiösen Fruchtbarkeitsritualen prähistorischer Zeiten, wir ständen heute als Bauch-
tänzerinnen in einer Tradition der Verehrung des Urweiblichen. Der Tanz an sich wäre eben nicht nur schön und sinnlich, sondern würde auch eine spirituelle Dimension transportieren, die in der Anbetung der großen (Mutter-) Göttinen wurzelt.

Und wäre der Bauchtanz im pharaonischen Ägypten weiter entwickelt worden, so könnten wir uns heute, zu Beginn des 21. Jh., stolz darauf berufen, die tänzerischen Wurzeln unserer Kunst seien in einer über 4 Jahrtausende existierende Hochkultur zu finden. Aber leider - alle Theorie ist reine Mutmaßung. Wie Walter Sorell so treffend bemerkte, ist „das Wesentliche an der Geschichte „... nicht was war, sondern was wir glauben, in dem Geschehen der Vergangenheit zu sehen.“ (1)

Und so bemühen wir uns historische Zusammenhänge herzustellen, die nicht existieren. Interpretieren antike Bildnisse so, dass sie nach heutiger Auffassung in eine Geschichte des Bauchtanzes passen könnten. Mit wissenschaftlichem Zeugnis hat das jedoch leider nicht das Geringste nichts zu tun - eine Ur-Geschichte des Bauchtanzes bleibt dem Reich der Spekulation vorbehalten.

1920, unbekannte Tänzerin

Vielleicht aber hilft uns die Poesie Spuren des Bauchtanzes in längst vergangenen Zeiten zu finden? Ein Gedicht über den Tanz des griechischen Dichters Hesiod (700 v. Chr.) bezeugt zumindest die Sinnlichkeit des weiblichen Tanzes. Er schreibt:

„Von den Musen des Helikon, lasst uns beginnen zu singen.
Sie, die des Helikon Höhe bewohnen, die Mächtige, Gotterfüllte.
Und um die veilchendunkle Quelle, tanzen sie mit zarten Füssen.“

Und auch wenn wir annehmen können das Frauen zu allen Zeiten mit ihrem Tanz das Publikum verzauberten, gibt auch solche Lyrik keinerlei Hinweise auf den Bauchtanz. Eher schon können wir die römischen Dichter Martial und Juvenal bemühen. Ersterer bemerkte zu den Auftritten der Tänzerinnen zu Cadiz im 1. Jh. n. Chr., die „wollustkundig ... schaukelnd ihre Hüften“. Und zur gleichen Zeit bemerkte Juvenal, dass die Tänzerinnen „hinunter zur Erde mit schwänzelndem Hintern sich lassen“. (2)

Hier werden zumindest Bewegungen beschrieben, die sich auch heute im Bauchtanz wieder finden. Vielleicht aber finden wir keine Spuren zur Historie des Bauchtanzes, weil wir uns dem Sujet aus einem falschen Blick-
winkel zuwenden. Ich möchte einen, meines Erachtens, wesentlichen Aspekt nennen.

Mae Marsh (1895-1968) 1916, Schauspielerin in dem Film „Intolerance“ - USA Regie David Wark Griffith

Tanz – und dies betrifft jede seiner Formen – ist immer auch ein Spiegel der Kulturgeschichte und im speziellen Religionsgeschichte. Letzteres insbesondere da es sich beim Bauchtanz um einen erotischen Frauentanz handelt.
Jede uns bekannte Theologie – und für die Wertstellung des Bauchtanz dürfte das Judentum und Christentum genauso maßgeblich sein wie der Islam – hat die weibliche Körperlichkeit und Sexualität nicht nur verbal an den Pranger gestellt und sie für nahezu alle Todsünden und menschliche Vergehen verantwortlich gemacht, sondern auch gewaltsam zu unterdrücken gesucht.

Das ist bis heute der Fall, und wir müssen dabei keineswegs nur in die Länder des Nahen Ostens sehen. Auch zu Beginn des 21. Jh. ist in unserer westlichen scheinbar so „sexuell befreiten“ Welt der weibliche Körper und seine ihm inne liegende Sexualität noch immer keine Selbstverständlichkeit, sondern befremdlich, ja sogar Furcht einflößend. Jede Bauchtänzerin, die sich hat anhören müssen, ihr Auftritt sei vulgär oder mit dem einer Stripperin zu vergleichen, weiß was hier gemeint ist. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es sich hierbei um ein Erbe unserer religiös orientierten Lebensweise und Weltsicht handelt, aus der wir in Europa erst vor rund 250 Jahren mit Beginn der Säkularisierung entwachsen sind.

Mit anderen Worten, es lässt sich keine Geschichte zum Bauchtanz schreiben, weder im Westen noch im Osten, wenn man nicht die kirchenrechtlichen Verbote zum Tanz studiert und sich gleichzeitig kulturgeschichtlich die Mühe macht das Leben der Frauen in ihren Frauengemächern, hinter ihren Schleiern und Korsetts und im Rahmen ihrer sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu betrachten.

1920, unbekannte Tänzerin

Ganz abgesehen davon, dass es zu berücksichtigen gilt, dass es vielleicht auch wirklich nur wir Tänzer/innen selber sind, die einer Geschichte des Bauchtanzes irgendeine Bedeutung beimessen. Es kann gut möglich sein, dass es tatsächlich keine Aufzeichnungen in der frühen Geschichte gibt, weil es niemand für notwendig hielt dazu etwas aufzuschreiben.

Aber gönnen wir uns doch einfach einen Spaziergang durch die „Nicht-Geschichte“ des Bauchtanzes, schlendern wir durch Mythen, Legenden, und ein paar wenige Aufzeichnungen. Das faszinierende bleibt: die Hüftbewegungen, die Anmut und erotische Ausstrahlung von Frauen beim Tanzen, existiert seit Anbeginn der Menschheit. Und da irgendwo in den Gezeiten der Welt ist auch der Bauchtanz entstanden ...

Quellen:

(1) Sorell, Walter: Der Tanz als Spiegel der Zeit, eine Kulturgeschichte des Tanzes. Heinrichshofen´s Verlag, Wilhelmshaven, 1te Auflage, 1985, Seite 11
(2) Buonaventura, Wendy: Bauchtanz, Die Schlange und die Sphinx. Antje Kunstmann Verlag, München, 7te Auflage, 1998, Seite 11