Dionysos, 2. Jh..v.Chr.

(Autorin: Cornelia Rother, November 2008)

… Dionysos, Gott der ekstatischen Erfahrung, des individuellen Mysteriums braucht keine Erkenntnis über das körperliche hinaus. Er weiß! - Und dieses Wissen liegt im rauschhaften „Gott-Erfüllt-Sein“ des Fleischlichen – des Körpers. Ein sich mit „eigenen Augen“ überzeugen, ist überflüssig. Dionysos steht für das Erlebnis des Übernatürlichen, als ein ehrfürchtiges Erschaudern, als das Unfassbare - denn das Göttliche ist immer zugleich anziehend und abschreckend, fesselnd und lebensbedrohlich.

Die Frauen sind sein Gefolge, die Mänaden oder Bacchantinnen genannt. Sie folgen dem Gott mit Pauken und Trommeln, huldigen ihm im Tanz: hemmungslos, unbewusst, unwillkürlich. Bis heute denken wir diese Tänze als orgiastische, sexuelle Ausschweifungen. Erstaunlich nur, dass Männer bei diesen Gotteshuldigungen tabu waren, und die Mänaden waren sicherlich nicht das, was wir heute lesbisch nennen. Das dürfte für das Göttliche sicherlich überaus langweilig gewesen sein.

Euripides widmete sich den Mänaden in seiner seiner Tragödie „Die Bacchen“ 406 v.Chr..: Die Frauen zogen aus, aus Theben, zum Berg Kitharion um dort dem Gott zu huldigen. Damit stellten sie auch die gesellschaftliche Ordnung in Frage. Denn sie folgten dem Ruf des Dionysos ohne zuvor die Männer um Erlaubnis zu fragen. Sie verließen einfach Heim und Herd, um sich im Tanz dem Göttlichen hinzugeben. Pentheus, der König versuchte dies zu unterbinden. Er unterschätzte den so sanft gewandeten „Wein-Bringer“. Der König sah nicht die lauernde, tödliche Gefahr: dieser thrakische Gott mit seinem Übermaß, das die Grenzen des Bewusstseins sprengt und sich aller maßvollen Erkenntnis entzieht, führte Pentheus durch eine List den Mänaden zu. Ihr Tanz wird zu einem blutigen Rasen, und sie zerreißen den König in Stücke.

Tanzende Mänade (Bakche) spätes 5. Jh. v. Chr., Palazzo Massimo alle Terme, Museo Nazionale Romano

Im Verlauf der Zeit wird dieser oberste der Götter allmählich abgelöst. Das Prinzip des Apollon, der Gott der sittlichen Reinheit und der Mäßigkeit, was soviel heißt wie des „nicht – zuviel“, setzt sich durch. Er steht für die „Erkenntnis durch den Geist“ und die Körperbeherrschung.

Umso erstaunlicher ist es, dass Apollon in der Mythologie gleich für mehrere Gewalttaten verantwortlich ist. Hingegen Dionysos dem orgiastische, sexuelle Enthemmung zugeschrieben wird, dergleichen Vergehen nicht schuldig ist. Apollon scheint es an körperlicher „Auseinandersetzung“ zu liegen, nicht an körperlicher „Erfahrung“. Der übergrosse griechischen Held Herakles, der vom Prinzip des Apollon geleitet ist und dessen Taten bis heute nicht nur beeindrucken, sondern das Maß der körperlichen Leistungsfähigkeit überhaupt zu sein scheinen, ist dafür bestes Beispiel. Er steht für das Gegenteil des „Unwillkürlichen“. Es geht nicht länger um eine göttliche Kraft, die an den Menschen herantritt in ihn eindringt, um sich in der Ekstase in Wissen zu verwandeln. Es geht nun um kontrolliertes körperliches Training zur Vergrößerung der Muskelkraft, und gleichzeitig um dessen Beherrschung.

Von Gottvater Zeus gezeugt, um die Giganten zu überwältigen, das letztgeborenes Geschlecht der Erdgöttin Gaia, erwürgt Herakles bereits im Alter von 8 Monaten mit je einer Hand 2 Schlangen. Herakles tanzt nicht. Um göttliche Erkenntnis zu erlangen muss er hart trainieren, seine Muskeln stählern und seine Kraft dann zielgerichtet einsetzen. Erst nach Erfüllung von 12 übermenschlichen Aufgaben wird er als Gott in den Olymp aufgenommen. Das Herakles beim ersten Anflug von Kritik kurzerhand seinen Musiklehrer erschlägt, und später dann seine erste Frau und seine Kinder ermordet, scheint dafür zu sprechen, dass Körperbeherrschung ebenso wie die ekstatische Entladungsbewegung – als Extreme gedacht - immer auch ein Stück Wahnsinn in sich tragen.

Tanzende Frauen Acanthus Statue in Delphi

Die Welt hat sich verändert! Die unwillkürliche körperliche Bewegung wird zunehmend als Störung empfunden. Und diese Störung wird mit dem fleischlichen Körper selbst, als Quelle des unkontrollierbaren, unbeherrschten, gleichgesetzt.
„Der Leib als Träger des (dionysischen) Taumels, des Rausches, des Übermaß ist verdächtig geworden. Seine Eigenbewegung des Unwillkürlichen wird als der Willkür der Götter identifiziert (später als Krankheit wahrgenommen) und in zunehmendem Maße aus der Ich-Entwicklung verdrängt, wird zur Untergrund-
bewegung, unheimlich und dämonisch.“ (Hoffmann, Kaye, S.115)
Was aber haben diese Götterbilder mit dem Tanz zu tun? Die Götter und ihre Aufgaben, gleich welche Religion, stehen für menschliche Erklärungswelten und bestimmen die Entwicklung von Kultur. Der Tanz und seine Ausprägungen über die Jahrhunderte hinweg, sind ein Spiegel dieser Kulturen. Das heißt, will man den Ursprung des Tanzes erahnen – denn dazu gibt es keine endgültigen wissenschaftlichen Erkenntnisse, lediglich Vermutungen - macht es wohl Sinn sich den Wertvorstellungen der Gesellschaften zu nähern. Zumal Historiker es für wahrscheinlich halten, dass der Mensch schon immer getanzt hat; dafür spricht neben dem hohen Alter archäologischer Fundstücke vor allem, dass Tanzen in ausnahmslos allen menschlichen Kulturen verbreitet ist.

Betrachtet man Dionysos, die Bacchen, Apollon und Herakles als Allegorien, so stehen sie für unterschiedliche Gedankenströmungen und in Folge für unterschiedliche Verhaltensweisen im gesellschaftlichen Miteinander. Konsequenterweise auch für einen differenten Umgang mit dem Körper bis hin zu körperlichen Bewegungsab-
läufen und schließlich dem Tanz. Den Göttern sei dank, wir haben etwas mit ihnen gemeinsam, nämlich das, was wir täglich an uns beobachten: alles ist Bewegung! Jeder Lidschlag, jedes unwillkürliche Zucken, jeder Herz-
schlag. Ohne Bewegung lebt der Mensch nicht. Nicht ohne Grund ist Bewegung ein Bestandteil der Definition von Leben überhaupt. Darüber hinaus funktioniert aber Bewegung nicht ohne Rhythmus, und weiter Bewegung und Rhythmus bedingen sich gegenseitig: so wie die Bewegung einem Rhythmus folgt, bringt die Bewegung auch einen Rhythmus hervor.

Farnesische Herkules Statue im Museum zu Neapel, 1590 in den Thermen des Caracalla gefunden

Dazu bedarf es keiner Musik. Legen wir unseren Kopf an die Brust eines anderen Menschen hören wir den Ton des Herzschlages in einem bestimmten Rhythmus. Dieser Rhythmus löst in uns ein Gefühl und damit wieder eine Bewegung aus. Dieses Prinzip setzt sich auch in der Natur fort: in der Blätterkrone eines Baumes im Wind, im Regenprasseln, im Vogelgezwitscher …

Bewegung ist die ursprünglich(st)e Ausdrucksform des Menschen. Heute sprechen wir von Körpersprache und verwenden viel Zeit darauf sie zu analysieren. Kein Wunder, nach wie vor „reden“ wir vor allem ohne Worte „non-verbal“, über das Bewegungsrepertoire. Und dieses ändert sich je nach dem in welcher Kultur der Mensch lebt. Gestik und Mimik haben sich vielleicht erst im Laufe der Zeit verfeinert, aber der körperliche Ausdruck des Menschen war sicherlich von Anfang an so stark, dass er sich mitteilen konnte: sich selbst, seiner Umwelt und den Göttern.

Heute ebenso wie vor Millionen von Jahren tragen wir alle notwendigen Voraussetzungen in uns um in dieser Sprache zu kommunizieren, und zwar ebenso bewusst wie unbewusst. Friedrich Nietzsche hat das auf den Punkt gebracht, in dem er sagt: "Man lügt zwar mit dem Mund, mit dem Maul, doch durch das, was man dabei macht, sagt man doch die Wahrheit." Vielleicht lässt sich nun der Tanz am ehesten so beschreiben: Tanz ist die Ver-
schmelzung von Bewegung und Rhythmus, in der sich ständig die neue Bewegung durch den Rhythmus entwickelt und die neue Bewegung den Rhythmus gebiert. Tanz kann so als eine Methode angesehen werden, die die menschliche Bewegung zum Medium macht, sich mit sich selbst, mit anderen und mit allem „Unfassbaren“ auseinander zu setzten, und zwar über das Alltägliche hinaus.

Noch heute ist der Tanz bei den sogenannten Naturvölkern allumfassender Bestandteil des Lebens, in den unterschiedlichsten Formen:

Tänzerin mit Schleier Terracotta Figurine aus Myrina, antike Stadt in Mysien, an der Westküste der heutigen Türkei ca 150 bis 100 v. Chr., Louvre

vom Freudentanz über den Tanz als Initiationsritus bis hin zum Fruchtbarkeitstanz, vom Kriegstanz bis hin zur religiösen Ekstase. In der modernen Menschheitsgeschichte setzt sich das apollonische Ideal (Körperbeherr-
schung, Maßvolles Handeln) gegenüber dem dionysischen (Hemmungslosigkeit und Ekstase) durch. Die „Leib-Seele-Trennung“ ist heute scheinbar unüberwindlich geworden. Wir nähern uns unserem Gott nur noch über den Geist – das ist harte Arbeit.

"Die Einheit des menschlichen Lebens ist hoffnungslos verloren gegangen, [...] alles ist spezialisiert worden: [...] Und so kennen wir zwar verschiedene Arten von Tanz, aber der Tanz als Lebensfunktion in selbstver-
ständlicher und enger Verbindung mit anderen Äußerungen unserer Seele existiert nicht mehr. [...] Man muss immer von einem Gebiet ins andere gehen, während der primitive Mensch, wenn er auf einem Gebiete ist, sich gleichzeitig auf allen anderen befindet. [...] Der primitive Mensch betet und tanzt zur gleichen Zeit." (Leeuw, Gerardus, S. 6f.)

Das Vertrauen in unsere natürliche, tänzerische Ausdruckskraft ist wohl verloren gegangen. Mit der Entwicklung des Balletts ab dem 15. Jahrhunderts driften individueller Bewegungssinn und vorgegebene Tanzroutinen immer mehr auseinander. Während das Volk zunächst noch immer nach Lust und Laune tanzt – später wird auch dieser Tanz im Reigen gebannt - entwickelt sich aus den Tänzen des Adels allmählich der Gesellschaftstanz und Bühnentanz.

Der Körper des Tänzers reproduziert nach dem Erlernen der Schritte zunächst die Vorstellungen des Choreogra-
phen, nicht seine eigenen.

Die Weltreligionen Gemälde von Dieter Wagner, 2006

Das ist wunderschön, anmutig und kraftvoll und ein Genuss für den Betrachter. Und wie in jeder Sportart kann der Körper hier über das harte Training zur Formvollendung gelangen. Die Muskelkraft gibt ihm die Möglichkeit überhaupt die Übungen zu vollführen, die Körperbeherrschung kann zur Hochspannung führen, die sich auf den Betrachter überträgt. Allerdings ist diese Herangehensweise an den Tanz soweit fortgeschritten, dass auch der Laie, von sich behauptet er könne nicht tanzen, wenn er nicht mindestens einen Tanzkurs absolviert habe. Hier wird das Erlernen von Tanzschritten mit dem Tanz an sich gleich gesetzt. Das ist ein Widerspruch. Jeder kann tanzen, wenn es nicht um die Darstellung eines fertigen Gefühls geht, sondern um die Entwicklung eines Gefühls aus dem eigenen Körper heraus. Das Problem ist nur, dass wir es im Laufe der Jahrhunderte verlernt haben auf unseren Körper zu hören.

Das Ideal des Apollon - Mäßigkeit und Körperbeherrschung - ist in unserer Gesellschaft soweit fortgeschritten, dass unser Kopf die Kontrolle nicht abgeben kann, ein in sich hinein horchen nicht mehr denkbar ist, wir das Gefühl für unseren Körper verloren haben. Was aber ist in diesem Sinn mit Gefühl gemeint? In unserer Gesell-
schaft ist das „Ich“-Bewusstsein ein unumstößlicher Bestandteil der Selbstwahrnehmung. Aus der Subsum-mierung der Erfahrungen erfindet sich diese Ich-Konstruktion täglich neu und schaffen ein entsprechendes Weltbild. „Ich“ und „Bewusstsein“ sind in unserer westlichen Kultur derart eng miteinander verbunden, dass eine Trennung nicht denkbar ist.

Tremendum Fotographie von Enrico Cocuccioni, 2003

Ich-Verlust wird als bedrohlich empfunden und gleichgesetzt mit Bewusstlosigkeit (Kontrollverlust), nicht einfach nur mit einem anderen Zustand von Bewusstheit. Gleichzeitig gelten in unserem Kulturraum Gefühle als das „Echte“ und „Natürliche“ schlechthin, welches der Körper individuell produziert. Sie gelten als Gegensatz zu dem was im Kopf entsteht, was den Verstand ausmacht. Geben wir uns da nicht einer Illusion hin? Ist das Gefühl selbst nicht eher eine Entscheidung, ein Urteil, eine „kopfige“ Interpretationen von Erfahrungen? Ein Ausweg bietet vielleicht das Schauspiel-Konzept nach Strasberg. (Auch der Tänzer ist Schauspieler, will er mit seinem Tanz etwas ausdrücken) Hier geht es nicht um die Reproduktion eines Gefühls, etwa nach der Vorgabe: in dieser Szene muss man unglücklich sein also versucht nun der Spieler einen entsprechend unglücklichen Gesichtsaus-
druck aufzusetzen. Vielmehr gilt es den Weg, den das Gefühl „unglücklich sein“ zuvor im Körper genommen hat, bis es im Kopf zu einer Entscheidung gekommen ist, darzustellen. Der endliche körperliche Ausdruck, Gestik und Mimik entwickelt sich dann von alleine. Denn der Körper spricht für sich. Bei Strasberg heißt diese Methode „In Fühlung gehen“. In diesem Sinn geht es beim Tanz um die „fließende Qualität des Erlebens“.

Nicht um die Frage: Was bedeutet die Bewegung?, sondern darum: Wie fühlt sie sich an, wie wirkt sie auf, den der sie sieht und den der sie wahrnehmend vollzieht? Denn Bewegung hat eine Wirkung auf den Zuschauer noch vor jeder Bedeutung.

Der Tanz verlangt die gekonnte Bewegung aber auch immer ein gewisses Maß an „Ich-Aufgabe“ an Kontrollverlust, so dass der Körper sich verselbständigt und seinen Ausdruck finden kann. Das gilt auch für den Bühnentanz. Die bloße Akrobatik fasziniert nur bedingt. Bei einem professionellen Tänzer bei dem wir beides finden Choreographie und „Fühlung“, sind wir begeistert und finden ein Stück unserer eigenen Körperlichkeit wieder.

Das ist dann genial.

Quellen

Gundlach-Sonnemann, Helga Barbara, Vom Rhythmus bewegt... Zur Entstehung und Vielseitigkeit religiösen Tanzes, Magazin für Theologie und Ästhetik 10/2001,
Leeuw, Gerardus van der. In dem Himmel ist ein Tanz, München 1930
Hoffmann, Kaye: Tanz, Trance, Transformation, München 1986
Sorell, Walter, Der Tanz als Spiegel der Zeit. Eine Kulturgeschichte des Tanzes, Noetzel Verlag; Januar 1985