Sontag, 4. Februar 2007
von Uwe Bergler

Erfahrungsbericht eines leidenden Mannes, der sich mit der neu entdeckten Leidenschaft seiner Freundin zu Recht finden muss.

Meine Freundin Conny ist seit über 30 Jahren aktiv in der Kunst- und Kulturgeschichte verwurzelt. Bis vor einem Jahr hat sich dies hauptsächlich auf den Bereich Theater und Kabarett beschränkt. Zur Präzisierung: Sie liebt es auf der Bühne zu stehen und sich zu präsentieren. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, welche Gedanken mir durch den Kopf gegangen sind, als sie mir freudestrahlend erklärt hat, dass sie jetzt mit richtigem Engagement in den Bauchtanz einsteigt. Zugegeben, obwohl ich ihre Lehrerin und die Schule gut kenne, muss ich gestehen, dass meine Gedanken erst einmal Opfer von Hollywood und diversen Betriebsfeiern, etc. wurden. Sollte in Zukunft meine Freundin halb nackt mit schwingenden erotischen Hüften den Hormonhaushalt fremder Männer ankurbeln? Um es abzukürzen: Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen! Wie so oft habe ich mir gedacht, das ich sicherlich etwas steuernd eingreifen muss. Was aber wirklich auf mich zukam – darauf war ich nicht vorbereitet!

Conny hat einen anspruchsvollen Beruf und mir mehrmals erklärt, dass sie keinen Grund dafür findet in irgendeiner Form unserer Klamotten zu reparieren – was kaputt ist fliegt raus! Ich war schon etwas irritiert als plötzlich die völlig vergessene Nähmaschine aktiviert wurde und an seltsamen Kleidungstücken eifrigst genäht wurde. Übrigens Pailletten – ihr kennt sie alle – sind eine interessante Sache. Wenn an meiner Hose mal ein Knopf abreißt, dann heißt es meistens, dass sich der Aufwand nicht mehr lohnt den Knopf wieder anzunähen. Pailletten erreichen eine völlig andere Dimension. Es ist tatsächlich möglich, dass ich mich mit Conny nur noch im Beisein und Nutzung einer Nadel unterhalten konnte, weil es unbedingt nötig ist, auf 10 cm2 ca. 400 Pailletten aufzunähen. Noch viel plastischer: Das tägliche akribische Absuchen des Bodens nach eventuell verirrten Pailletten – inklusive Staubsaugerverbot. Meiner Meinung nach kann man das Zeug beutelweise für wenig Geld kaufen – im Gegensatz zu meiner Hose!

Aber dies war eigentlich kaum der Rede wert, betrachtet man die weitere Entwicklung. Wie jeder weiß, haben Frauen die seltsame Gabe an ihren Figuren etwas auszusetzen, auch wenn es objektiv nichts auszusetzen gibt. Ich könnt euch sicher vorstellen, was passiert, wenn mehrere europäische Frauen mit orientalischer Kleidung in einem verspiegelten Raum den Bauchtanz erlernen – und sich auch noch ständig mit ihrer Lehrerin vergleichen. Ich kann euch sagen, dass dann die Beteuerungen von meiner Seite, sogar die ehrlichen, dass an Figur und Bewegung wirklich nichts Negatives zu entdecken ist völlig bedeutungslos sind. Irgendwie frage ich mich, warum es für Conny nicht möglich war zu erkennen, dass sie halt nun mal die Schülerin ist – es wäre rausgeschmissenes Geld in eine Bauchtanzschule zu gehen, wo sie besser ist als die Lehrerin.
Ein weiteres Thema war auch die allgemeine Kommunikation über die Aktivität Bauchtanz. Dies ist einzuordnen in die allgemeinen Kommunikationsherausfordungen zwischen Männern und Frauen. War ich ihrer Meinung wurde mir ein hohes Maß an Kenntnissen über den orientalischen Tanz bescheinigt. War ich nicht ihrer Meinung musste ich mich mit Kommentaren wie „Was willst Du den mitreden, Du hast doch keine Ahnung!“ zufrieden geben.

Richtig überrascht war ich allerdings über folgendes:
Conny hat mir mehrmals erklärt, dass ich von ihr eine Bauchtanzvorführung erst erhalten werde, wenn sie dies auch gut beherrscht. Gut, kann ich verstehen. Aber die Mitteilung, das sie öffentlich auftreten wird verwirrte mich etwas – andere dürfen es sehen, aber ich nicht! O.K. diese Aussage ist etwas übertrieben, denn ich weiß, dass sie es voraussetzt, dass ich mir selbstverständlich diese Aufführung ansehen werde. Und jeder, der sich schon mal „Die Perser“ gespielt von einem Studententheater ansehen durfte, weiß: Schlimmer kann es nicht mehr kommen!

Ich weiß nicht mehr zu wie vielen Details ich gefragt wurde, aber eines ist mir in Erinnerung geblieben. Conny und ich haben nahezu die selbe Basis: Jeder von uns kann viel Lebens- und Berufserfahrung einbringen, aber vom Orient und dessen Traditionen haben wir eigentlich keine Ahnung. Es war ein tolles Erlebnis sich im Rahmen der Plattform Bauchtanz mit dem Orient auseinander zu setzen. Ein großer Vorteil für uns, verbunden mit einem wirklich ehrlichen Lob an sie, war Elham, Connys Lehrerin. Als gebürtige Iranerin und promovierte Chemikerin hat sie es auf unglaubliche Weise geschafft, die üblichen Vorurteile über Land und Leute wegzuwischen und die tatsächlichen Werte zu vermitteln. Nicht durch Vorträge über ihr Land, sondern einfach durch ihr Verhalten, ihre Beiträge in den Diskussionen und durch die schier unglaubliche Lebensfreude, deren der Bauchtanz eine Ausdrucksform ist.

Und dies war auch ein Wendepunkt meiner Gedanken über Bauchtanz. Weg von dieser allgemein bekannten Frivolität hin zu einfacher Lebensfreude. Ich wünsche allen diese Erfahrung. Man beginnt sich zu fragen, wieso wir Bauchtanz in die Schmuddelecke einsortieren – ein Stück Kultur im Orient. Erstmals von einem Europäer gesehen, als in Europa ein Kuss vor der Hochzeit eigentliche nicht möglich war. Ein anderes Thema die Tänze zu dieser Zeit in Europa. Im Prinzip wurde getanzt als hätte der Tanzpartner die Pest und man minimiert die Ansteckungsgefahr. Und jetzt: Bordelle, Straßenstriche und ganze Rotlichtviertel bei uns - aber der Bauchtanz ist ja so frivol…. Ich will nicht der Moralapostel sein, aber ich denke ihr wisst worauf ich hinaus will.
Genau – beschäftigt euch so mit dem Thema Bauchtanz wie es euere Frauen tun! Ich verspreche, ihr werdet es nicht bereuen und viele positive Überraschungen erleben – so lange ihr nicht selbst zu tanzen beginnt.

Ich denke ich bin es schuldig noch ein paar Worte zu der Aufführung zu sagen: Sie war einfach toll und hat meine kühnsten Vorstellungen noch übertroffen.

Ich wünsche euch allen vergleichbar schöne Erlebnisse, wenn euere Frauen beschließen einfach nur Bauchtanz zu machen.

Euer Uwe