(Un)angenehme Begegnungen im Umkleideraum

Tänzerin Sandra vor einem Auftritt. Umziehen in der Restaurantküche. Bild: Website von Sandra, Danke für die freundliche Genehmigung

Dienstag, 24. Juli 2007, von ElhamRaks

Frau braucht kein Mathematikgenie zu sein um berechnen zu können, dass jede Tänzerin mehr Zeit in der Um-
kleidekabine!!!! verbringt (ein Luxus den wir auch nicht immer haben) als auf der Bühne. Das stimmt vor allem in unserem Metier, bei dem wir für eine normale Tanzroutine von ca. 15 Minuten mindestens eine halbe Stunde vorher mit Umziehen, Schminken, Schmuck anlegen u.s.w., und eine gute Viertelstunde nachher mit Schwitzen, Abtrocknen, Umziehen und Zusammenpacken beschäftig sind. Das Publikum sieht und beurteilt (glücklicher-
weise!) nur den Tanz. Zwischen uns gelten aber andere Regeln: unser Verhalten in der gemeinsamen Umkleide-
kabine kann unsere Kolleginnen genauso beeindrucken wie unsere künstlerische Fähigkeiten und Bühnen-
präsenz.

Es gibt zahlreiche Workshops und Fortbildungen, patentierte und rechtlich geschützte Methoden zum Unter-
richten, Hunderte von Online und Offline Artikel und Tipps fürs Schminken, Kostüme nähen, Fingernägel lackieren, mit allen möglichen und vorstellbaren Accessoires von Isis-Wings bis zum Topfdeckel Tanzen, aber ich habe bis jetzt keinen einzigen Artikel, keine einzige Empfehlung und keinen einzigen Ratgeber über das Benehmen im Umkleideraum gefunden. Obwohl jede von uns über ihre angenehmen und unangenehmen Begegnungen im Umkleideraum sicher Bücher schreiben könnte.

Eine Umkleidekabine ist ein Luxus, den wir nur sehr selten genießen können. Bei privaten Feiern und Auftritten in Restaurants entpuppt sich der versprochene Umkleideraum meist als kaltes enges Lager, oder Kämmerchen hinter der Küche, oder unter der Treppe, oder im schlimmsten Fall als Toilette. Das ist unangenehm genug, ist frau als einzelne Künstlerin engagiert. Schlimmer ist es aber, wenn mehrere Künstlerinnen auftreten und sich im selben Raum umziehen müssen. Meistens sind wir so aufgeregt, vielleicht auch wütend und enttäuscht (von dem Auftragsgeber), dass wir unabsichtlich keine Rücksicht auf die anderen nehmen und ihnen den Auftritt vermasseln so das sich eine schlechte Erinnerung von uns in ihr Gedächtnis eingraviert.

Während meiner ersten Jahren in Deutschland (als ich für eine Tanzroutine in einem Restaurant noch bezahlbare Preise verlangte) sollte ich mich für einen Auftritt in Nürnberg gleichzeitig mit einer berühmten und erfahrenen Tänzerin aus der Region umziehen. Wie immer hat der Veranstalter mir einen Umkleideraum mit Spiegel und Garderobe versprochen.
Diese Umkleide verwandelte sich allerdings in ein Kämmerchen, dass nur durch die Küche (in der für eine türkische Hochzeit mit über 250 Gäste gekocht wurde!) zu erreichen war. Da das Kämmerchen gleichzeitig als Lagerraum benutzt wurde, sollten wir bei jedem Kostümwechsel erst den Menschen mit dem „goldenen Schlüssel“ suchen um ihn zu bitten aufzuschließen. Dann durften wir uns auf engstem Raum, ohne Spiegel, zwischen zusammengerollten Teppichen, Geschirr und was weiß ich noch umziehen. Das der Abend ohne Katastrophe endete (ich schäme mich immer noch, denke ich an mein rücksichtsloses Verhalten) verdanke ich nur der anderen Tänzerin und nicht etwa meiner Geduld und meines guten Benehmens. Ich bat damals meinen Mann mir bei umziehen zu helfen – was er auch tat - und erklärte der anderen Tänzerin gedankenlos, es würde mich nicht stören wenn sie sich gleichzeitig mit mir umzieht. Das ihr die Anwesenheit eines für sie wildfremden Mannes unangenehm war habe ich überhaupt nicht bedacht. So wütend wie sie auch war (und das auch zu Recht) hat sie mich ganz freundlich angelächelt und mir vor dem Auftritt viel Erfolg gewünscht.

Bei größeren Veranstaltungen und Shows ist es anders. Da ist oft ein gemeinsamer Umkleideraum mit Spiegel vorhanden. Die Teilnahme auf Haflas, Festivals, Studiofeiern und nationalen sowie internationalen Shows macht viel Freude. Man lernt andere Tänzerinnen kennen, trifft alte Freundinnen, tauscht Geschichten und Visiten-
karten aus, lädt andere zu Workshops und Shows ein, wird ebenso eingeladen ... und zieht sich mit anderen in einem gemeinsamen Raum um ...
Dieses gemeinsame Umziehen kann großen Spaß machen: von einer Ecke schreit eine, sie habe die farblich passende Unterhose vergessen, die andere kann ihren Schmuck nicht finden, eine weitere hat ihren Schleier vergessen, der BH-Verschluss reißt und so weiter und so weiter. Unter Aufregung und viel Lachen hilft frau sich gegenseitig aus der Patsche.

Vor einigen Monaten musste ich mich, und eine meiner Schülerinnen, bei einer bunten Veranstaltung aus Musik, Theater, Tanz und Gesang im „Leeren Beutel“, in Regensburg, umziehen. Der versprochene Umkleideraum war ein dunkles Eck - aber wirklich dunkel! Nach diesem Auftritt ergänzte ich meine Auftritts-Checkliste um eine Taschenlampe; mein Gott, wenn mein Repertoire nur halb so lang wäre wie meine Checkliste!!!!!. Dieses Eck war nur durch einen Vorhang vom Publikum getrennt und diente gleichzeitig als einziger Zugang zur Bühne. Alle Künstler und Künstlerinnen mussten sich da umziehen bzw. warteten auf ihren Auftritt. Als wir daran waren uns für unseren Auftritt vorzubereiten wartete ich zunächst verunsichert bis unser „Luxus-Umkleideraum“ menschenleer sein würde - natürlich vergeblich! Ich schaute mich um: rechts und links wildfremde Männer, die sich umzogen. Zum Glück waren nur Silhouetten zu erkennen. Dazwischen Schauspieler, Moderatoren und Musiker auf dem Weg zur oder zurück von der Bühne. So hilflos war ich noch nie ... Conny, meine Schülerin, die eine brillante Karriere als Theaterschauspielerin hinter sich hat, forderte mich in ihrer prägnanten Art auf, mich endlich fertig zu machen und nicht das Landei zu spielen. „Im Theater wird es dir schnell egal, wo und vor wem du dich ausziehst“, sagte sie zu mir.

Da ich auch wirklich keine andere Wahl hatte, fing ich an mich umzuziehen. Zum Glück waren die anderen auch alle von der Theaterbranche, und fanden gemeinsames Umziehen so was von selbstverständlich, dass sie uns keine Aufmerksamkeit schenkten. Erst nach unserer gemeinsamer Umzieh-Aktion und unter dem normalen Licht haben wir uns gegenseitig erkannt. Die fremden Männer waren viel gefeierte Musiker aus Weiden, bei deren Fernseh-Werbung ich vor einem halben Jahr mitspielte!!!! Die Wiedersehensfreude war groß.

Das ist alles lustig und kann jede Veranstaltung unvergesslich machen, wenn nicht eine Minderheit da wäre, die sich ohne jede Rücksicht im Umkleideraum breit macht: ihre Koffer komplett auspackt, die eigenen Sachen überall verbreitet, dabei die Koffer und Kostüme der andren ins Eck schiebt um mehr Platz für sich selbst zu haben, mit Glitzerspray um sich wütet und ... unsere Laune nicht verderben würde.

... Neulich hatte ich die Ehre, auf einem Studiosommerfest zu tanzen. Der Abend war sehr abwechslungsreich und die Tänze waren alle schön. Wir hatten einen richtigen, großen Umkleideraum mit mehreren Spiegeln. Die Tänzerinnen waren alle nett und freundlich. Kurz vor Ende der Veranstaltung ist eine ältere Dame aufgetreten. Ich kannte sie schon von einer anderen Veranstaltung in einer anderen Stadt. Sie war nicht wegen ihres ästhetischen Tanzes und schönen Bewegungen in meinem Gedächtnis geblieben, sondern wegen ihres Mutes und ihres Selbstbewusstseins. Sie traute es sich zu auf einer Veranstaltung zu tanzen, bei der alle anderen Tänzerinnen ihre Enkelkinder hätten sein könnten. Während ihres Tanzes dachte ich die ganze Zeit: Respekt! Wenn ich irgendwann in einem Altenheim eine Show veranstalte, werde ich sie einladen um ein Beispiel zu geben, die älteren Damen zu motivieren und meine Botschaft zu belegen: „Orientalischer Tanz kennt keine Figur- und Altersgrenze. Es ist nie zu spät. Der Tanz gibt ein gutes Körpergefühl und ist sehr gut geeignet den Körper sanft und gesund zu trainieren.“

Der Abend war zu Ende, wir hatten unsere Koffer schon gepackt. Im Umkleideraum herrschte ein fröhliches Chaos. Ich war gerade dabei den Raum zu verlassen als diese alte Dame zu mir kam, derb nach mir griff und ihren Finger mehrmals in meine Schulter stieß. Sie fauchte mich an: “Das Video, das du von meinem Tanz aufgenommen hast darfst du nicht veröffentlichen, dass ist meine Choreographie“. Ich war wie vom Blitz getroffen!!!! Ausgerechnet diese Frau, die keinen Unterschied zwischen Photo- und Videokamera kennt, genauso wenig wie zwischen Können und Schlamperei. Während ihres Tanzes hatte ich meine Kamera ausgeschaltet.

Jeder, der behauptet Tänzerinnen hätten ein schönes Leben, müssen ja nichts tun und verlangen viel Geld für das bisschen Hüfte wackeln, soll sich nur einmal in einem gemeinsamen Umkleideraum umziehen!!!!