Kuchuk Hanem ??? Gemälde von Putino Britio, 1854

(Autorin: Cornelia Rother, November 2011)

Im allgemeinen bevorzugen wir es heute – zumindest in Deutschland - den Bauchtanz als „Orientalischen Tanz“ zu bezeichnen. Der Begriff "Bauchtanz" hingegen ist in Fachkreisen äußerst umstritten, da er dem tänzerischen Können nicht gerecht wird – tatsächlich sind sämtliche Muskeln des Körpers beim Bauchtanz involviert und die Isolationsfiguren bedürfen größter Körperbeherrschung.
"Bauchtanz" ist eine direkte Übersetzung des französischen "danse du ventre". Diesen Begriff verwendete erstmals der Schriftsteller Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert um den Tanz in seinen Reiseberichten zu beschreiben. (1) Allerdings wollte er damit sicherlich nicht einen Tanz-Stil-Begriff prägen, sondern brachte vielmehr seine persönlichen Empfindungen poetisch zum Ausdruck, nachdem er die Tänzerin Kuchuk Hanem am 03. März 1850 bewunderte. (2)

Der arabische Begriff (Ursprung Ägypten) für diesen Tanzstil ist „Raks Sharqi“, was wörtlich übersetzt soviel heißt wie „Tanz des Ostens“. Daraus leitet sich denn "Orientalischer Tanz" ab, da der Orient gedanklich im Osten liegt. Diese Übersetzung können wir jedoch meines Erachtens nicht bedenkenlos in Europa verwenden. Wir verstehen unter Osten die Länder des Baltikums und die Gebiete der ehemaligen UDSSR, sowie Indien und China (der ferne Osten).
Der heutige Orient liegt nicht im Osten sondern in weiten Teilen im Süden bzw. Südosten! (3)

Der "heutige" Orient

Bis Anfang des 20.Jh. gehörten auch Indien und China zum „Morgenland“


Darüber hinaus führt der Begriff „Orientalischer Tanz“ als Synonym für Bauchtanz im allgemeinen Sprachgebrauch häufig dazu sämtlich Volkstänze des orientalischen Kulturraumes, der von den Länder Nordafrikas, über den Nahen Osten (Vorderasien) bis Afghanistan und Pakistan reicht, in Vergessenheit geraten zu lassen, und den Bauchtanz als einzigen Tanz dieser Weltregion wahrzunehmen. Was historisch wie gegenwärtig schlicht falsch ist, denn selbstverständlich haben alle Volkstänze der 29 Nationen des heutigen Orients eine Historie.

Um noch mehr Verwirrung zu stiften möchte ich mich auf Alkis Raftis beziehen, der bemerkt, dass der Begriff „orientalisch“ und damit auch die Bezeichnung „orientalischer Tanz“ sehr relativ ist: Für eine Ägypterin ist ihr eigener Tanz nicht orientalisch, während für eine Amerikanerin das gesamte Europa im Osten liegt. (4)

Zurück zum Begriff "Bauchtanz". Was immer Gustave Flaubert bei Kuchuk Hanem nun gesehen hat oder nicht - was wir heute beim klassischen "Orientalisch Tanz" sehen dürfte wohl unstrittig sein: den Bauch! Das zweiteilige Kostüm - bestehend aus einem Oberteil, dass in der Regel unter der Brust endet, einem Rock und einem verschwenderisch mit Pailletten bestickten Gürtel - betont unzweifelthaft die Körpermitte. Auch wenn das Publikum eleganten Armbewegungen folgt, eine stolze Kopfhaltung bewundert und sich in die Arabesquen der edlen Beinarbeit vertieft, es kann nicht anders: Die Blicke des Publikums ruhen immer wieder auf dem Bauch. Das ist gewollt. Das ist schön und sexy. Und das ist gut so.

Bleibt mir zu fragen: Wollen wir nicht von Bauchtanz sprechen, weil wir uns vor unserer eigenen Weiblichkeit und Erotik fürchten? Unsere sinnliche Ausstrahlung uns selbst „unanständig“ vorkommt? Geringschätzung begegnet man wohl kaum mit Begrifflichkeiten. Ehrerbietung und Selbstbewusstsein entwickelt sich durch harte Arbeit und schließlich tänzerisches Können. Das aber ist eine Frage der Qualität, nicht der Sache selbst. Dafür sind wir Bauchtänzerinnen schließlich selbst verantwortlich.

Hier haben uns die Amerikanerinnen einiges voraus. Selbstbewußt heißen sie ihren Tanz: Bellydance.

Zum Begriff Bauchtanz siehe auch das Interview mit Morocco, die eine andere Ansicht vertritt

Quellen

(1) Gustave Flaubert: Reise in den Orient. Ägypten, Nubien, Palestina, Syrien, Libanon,1849-1850, 1te Auflage 1866
Am 22. Oktober 1849 reiste Gustave Flaubert (28-jährig) in Begleitung seines Freundes Maxime du Champ Croisset nach Ägypten. Mehr als 2 Jahre war er im Orient unterwegs: von Marseille nach Alexandria, weiter nach Kairo, Sakkara, Memphis, Theben und Koseïr.

(2) Zu Kuchuk Hanem siehe auch http://www.ulrich-stolte.info/2011/03/revolutionar-und-reisender-albert-dulk.html. Ulrich Stolte über den Reisenden Albert Dulk:
"Seinen perlenbestickten Tagebüchern in der schwarzen Kiste hat er auch jenen Abend mit der berühmtesten Hure Mittelägyptens anvertraut, Kuchuk Hanem, eine Damaszener Christin. Sie hat etlichen Orientreisenden den Kopf verdreht, aber es ist Dulk, der nun ihr den Kopf verdreht. Nachdem er ihren Nackttanz und noch mehr genossen hat, will die Christin mit ihm nach Kairo und Assuan fliehen. Dulk jedoch hat anderes zu tun und reist ab.
Drei Tage später, am 3. März 1850, ist ein schmächtiger Franzose bei Kuchuk Hanem. Gustave Flaubert nimmt ebenfalls ihre Liebesdienste in Anspruch und beschreibt ausführlich ihre anatomischen Vorzüge: ›Ihre Möse berührte mich mit Samtpolstern‹, vertraut er seinem Tagebuch an. Bis heute wäre diese Stelle aus Flauberts Tagebuch unentdeckt geblieben, wenn nicht Ilse Walther-Dulk eine Kopie seiner Tagebücher aus Paris angefordert hätte und auch das übersetzte, was schamhaftere Forscher bisher weggelassen haben."

(3) Staaten Nordafrikas: Ägypten, Algerien, Lybien, Marokko, Sudan, Tunesien, Westsahara
Naher Osten: Armenien, Aserbaidschan, Bahrain, Georgien, Iran, Irak, Jemen, Israel, Palästina, Jordanien, Katar, Kurdische Autonomiegebiete, Kuwait, Oman, Libanon, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Syrien, Türkei (nicht europäischer Teil), Zypern
Und: Afghanistan, Pakistan


(4) Raftis, Alkis. Oriantal dance, Paintings and travellers accounts. Dora Stratou Dance Theatre, Athens, 2007