Märchenbuch aus dem Morgenland

Montag, 23. April 2007, von ElhamRaks

The Arabian Nights Entertainments. Selected and Edited by Andrew Lang. Illustrated By Rene Bull, H. J. Ford and W. Heath Robinson. 1898


1001 Nacht in arabischer Sprache

O glückseliger, einsichtsvoller König ... Shahrzad (Shahrazad, Sheherzad, Schahrazad) die Märchenerzählerin fängt jeden Abend mit diesen Worten an dem König Shahriyar ein Märchen zu erzählen, um ihr Leben um eine Nacht zu verlängern.
Diese Worte habe ich so oft gehört, daß sie fast ein Teil meines Lebens geworden sind. Meine Mutter fängt immer so an, wenn sie meinem Vater etwas Besonderes mitteilen will. Als Kind bin ich mit „Hezar o Yek Shab“ aufgewachsen (natürlich mit kindgerechten Versionen der Märchen), Kinderbücher, Zeichentrickfilme von „Sindbad, Alibaba, Ala'a din“ und sogar Bruchteile der Geschichte in unseren Lehrbüchern für die persische Sprache in der Schule.

The Arabian Nights Entertainments. Selected and Edited by Andrew Lang. Illustrated By Rene Bull, H. J. Ford and W. Heath Robinson. 1898

„Tausend und eine Nacht“, „Hezar o Yek Shab“, „Alf Layla wa Layla“ ist mit Sicherheit das berühmteste orientalische Werk im Okzident. Begriffe wie „ein Märchen aus Tausend und einer Nacht“, „Märchenhaft wie ....“, „Sesam öffne dich“, und Geschichte von „Alibaba und den vierzig Räubern“, „Sindbad“, „Ala'a din und die Zauberlampe“ sind sogar im Okzident bekannt und wurden auch in Hollywood mehrmals verfilmt.

Was wissen wir eigentlich über dieses Märchenbuch und wie ist es zustande gekommen?

Shahriyar, der persische König, dessen Königreich irgendwo zwischen China und Indien liegt, ist von der Untreue seiner Frau - die er deswegen erstochen hat - so verbittert und frustriert, dass er seinen Wesir (Minister) auffordert, ihm jede Nacht eine neue Frau heranzuschaffen, mit der er die Nacht verbringt und sie vor Sonnenaufgang umbringen lässt.

Shahrzad die schöne Tochter des Wesirs will, um die Frauen zu retten und das Morden zu beenden, freiwillig eine Nacht mit Shahriyar verbringen. Sie fängt an dem König ein Märchen zu erzählen, „Es ist mir berichtet worden, o glückseliger König, ....“, sie erzählt und erzählt und am Ende der Nacht hört sie an so einer spannenden Stelle des Märchens auf, daß der König, um die Geschichte weiter zu hören, ihre Hinrichtung verschiebt. So gelingt es Shahrzad, tausend und eine Nacht mit dem König zu verbringen. Sharzad's Erzählungen öffnen dem König die Augen , er bereut seine Tyrannei und erklärt Shahrzad zu seiner Frau und zur Königin seines Reiches. ... Ein typisch orientalisches Happy End.

The Arabian Nights Entertainments. Selected and Edited by Andrew Lang. Illustrated By Rene Bull, H. J. Ford and W. Heath Robinson. 1898

Die Ursprünge des Märchenbuches sind bis heute umstritten, es gibt unterschiedliche Vermutungen und Theorien über die Wurzeln des Werkes. Die Mehrheit der Gelehrten und Historiker sind sich einig, daß das Buch vor dem 10. christlichen Jahrhundert von den Persern als „Hesar Afsaneh, 1000 Märchen“, eine Sammlung von Erzählungen mit indischen Wurzeln verfaßt, und dann von den Arabern ins Arabische übersetzt und zu „1001 Nacht“ umgetauft wurde.

H. v. Hammer hat darüber zuerst Aufschluß gegeben. Er fand eine Stelle aus den »Goldenen Wiesen« von Masudi, einem Historiker aus dem zehnten christlichen Jahrhundert auf, in welcher von verschiedenen wunderbaren Erzählungen die Rede ist und wo es heißt: »Manche betrachten diese Erzählungen als eine Fiktion, gleich dem Buche »1000 Märchen,« welches gewöhnlich »1000 Nächte« (in einigen Handschriften 1001 Nacht) genannt wird; es ist die Geschichte des Königs, des Wesirs und seiner Tochter und ihrer Amme (oder nach anderen Handschriften, Schwester), welche Schirsad und Dunjasad (oder Dinarsad) hießen.« Später entdeckte derselbe Gelehrte eine Stelle im Buch »Fihrist«, einer arabischen Literaturgeschichte aus derselben Zeit, aus welcher der Verfasser zuerst berichtet, daß die alten Perser die ersten Werke verfaßten, welche Märchen und wunderbare Erzählungen enthielten. Die Araber übersetzten solche Werke in ihre Sprache , schmückten sie später noch weiter aus und dichteten Ähnliches. Der Verfasser fährt dann fort: »Das erste Buch dieser Art war das »Hesar Afsan«, d.h. »tausend Märchen.«

1000 und eine Nacht in Europa

Arabian Nights illustrated by Edmund Dulac (1907)

Obwohl die Spuren der Märchen in einem Roman von Giovanni Sercambi (1347-1424) und in der „Geschichte von Astolfo and Giocondo“, Anfang des 16. Jahrhunderts in Italien gefunden wurden (mitgebracht von Reisenden in den Orient), erschien die erste vollständige Übersetzung des Märchenbuches Anfang des 18. Jahrhunderts in Europa.

Als der französische Stipendiat und Reisende Jean Antoine Galland (1646-1715), im Frühjahr 1701 eine französische Übersetzung der Abenteuer Sindbad des Seefahrers fertig stellte und bevor das Manuskript in die Druckerei ging, erfuhr er von seinen syrischen Freunden in Paris, daß diese Geschichte nur ein Teil einer um-
fangreichen Sammlung ist. Er ließ sich das vollständige Werk besorgen und fing an, dieses Werk ins Franzö-
sische zu übersetzen. 1704 präsentierte er den Franzosen den ersten Band von „Mille et une Nuit“. Wenige Jahre danach, machten die englische und die deutsche Übersetzung das Märchenbuch in weiten Kreisen bekannt.
1001 Nacht wurde eher als ein Unterhaltungsbuch übersetzt und präsentiert, praktisch als Mittel die Morgen-
länder und die Kultur des Morgenlandes besser kennenzulernen.

So legt Galland in seiner Vorrede besonderen Wert darauf, »er habe Sorge dafür getragen, die Eigentümlich-
keiten der Araber zu erhalten und nichts von ihren Gedanken und Ausdrücken zu verwischen, und er sei nur

Sheherazade Gebrüder Grimm Museum in Kassel

dann von dem Urtext abgewichen, wenn es der Anstand erforderte.« Aber in der Tat hat er auch allerlei Zusätze und Änderungen vorgenommen, welche häufig den Text entstellen.

Gallands Übersetzung gibt dem europäischen Leser kein treues Bild von den Arabern. Er strebte mehr danach seine Franzosen zu unterhalten, als zu belehren und hat darum den Stoff ganz nach damaliger französischer Mode zugestutzt.

Die erste deutsche Übersetzung aus arabischen Originaltexten, stammt von dem Orientalisten Gustav Weil aus dem Jahr 1865. Die erste wirklich werkgetreue Übersetzung stammt von Richard Francis Burton, der die Geschichten in 17 Bänden unter dem Titel "Arabian Nights" veröffentlichte und damit im viktorianischen England einen Skandal auslöste.

Eine umfangreiche deutsche Übersetzung in sechs Bänden, die auf der in Indien gedruckten arabischen Ausgabe von 1839–1842 beruht, stammt von dem Tübinger Orientalisten Enno Littmann und erschien erstmals im Jahr 1920.

Der 1926 geborene Araber und Islamwissenschaftler Muhsin Mahdi legte im Jahr 1984 nach fünfundzwanzig jähriger Arbeit eine kritische Edition der Galland-Handschrift vor. Damit ist der Text der ältesten erhaltenen arabischen Fassung wieder in seiner ursprünglichen Form verfügbar.

"Scheherazade Went on with Her Story". Illustration from "Arabian Nights" by Virginia Frances Sterrett (1900-1931). Penn Publishing Company (1928).

Im Jahr 2004 erschien von der Expertin für Orientalistik Claudia Ott erstmalig eine deutsche Übersetzung der Galland Handschrift, auf der Basis der Ausgabe von Muhsin Mahdi. Ott erreichte in jahrelanger Detailarbeit eine getreue Übertragung. Der Rezensent der Zeit hebt ihr "klares, lebhaftes Deutsch" hervor, und dass sie auf "orientalisierende Ausschmückungen" verzichtet habe.

Vom aufgesetzten europäischen Märchentonfall befreit, enthalten diese in den 282 Nächten der Handschrift enthaltenen Geschichten u. a. auch die bukolische, unverblümte Erotik des Originals.

Auch wenn es Zweifel und viele unklare Punkte über die Ursprünge des Werks und treue Übersetzungen gibt, eins ist sicher: Dieses Werk hat Millionen von Menschen rund um die Welt fasziniert, Träume und Illusionen geweckt und zahlreiche Künstler und Schriftsteller inspiriert. Spuren von 1001 Nacht tauchen vor allem in den Werken des 18. und 19. Jahrhunderts auf, wenn Orientalismus a la mode war.
Nachweise findet man u.a. in Zadig von Voltaire, Gedichte von Byron und Wordsworth und in Rasselas von Samuel Johnson vor.

Quellen

Märchen aus 1001 Nacht, Ausgewählt von Heinz Grotzfeld, Enno Littmann Übersetzung, Eugen Diederichs Verlag 1993 München
http://www.al-bab.com/arab/literature/nights.htm
http://www.iranica.com/newsite/articles/v1f8/v1f8a035.html
http://www.muslimphilosophy.com/ei2/alflayla.htm
http://www.mythfolklore.net/1001nights/pix/index.htm
Tausend und eine Nacht Arabische Erzählungen, übersetzte Ausgabe von Dr. Gustav Weil (1865), Karl Müller Verlag, Erlangen (1994)
http://de.wikipedia.org/wiki/Tausendundeine_Nacht
http://gutenberg.spiegel.de/weil/1001/