Ibn Kozman, 1086-1160, spanischer Lyriker

Bild: Talestri

Hör, der Fromme sagt „Bereue!“
Das ist dummes Zeug, führwahr!
Könnt ich´s denn?
Wind bringt Moschusdüfte dar und der Frühling
– gleich wie der Sultan -
Breitet seine Fahnen weit,
Festgewänder trägt der Obstbaum,
Vögel zwitschern weit und breit.
Und die Gärten tragen wieder
Ihr smaragdfarbenes Kleid,
Und in Blau und Weiß erglänzen
Veilchenblüte und Bahar.
Tau und Myrte, weiße Iris,
Duft und Schatten, Wasser rinnt,
Klug und freundlich ist der Holde,
Und der Späher taub und blind,
Und der Sänger singt vortrefflich,
und die Flöte spielt so lind –
Und der Himmel rein und leuchtend
Und der Wein so hell und klar!

Michail Nu´Aima, um 1900, libanesischer Lyriker

Bild: Talestri


Die Wolken schwärzten sich vom Zorn
Der Nacht, die langsam näher kam,
Noch sahen wir kein festes Zelt,
Das uns in seine Obhut nahm.

Dann kam der Sturm, und scharfer Sand
Rieb uns die Augen rot.
Wir eilten vor, und zwischen Lid
Und Augen sahen wir den Tod

Dann sprang vom düstern Horizont
Der Donner wie ein Tier uns an,
Wir packten unsre Decken fest,
Doch sanken hin, die Stirn voran.

In Wirbeln riß darauf der Wind
Das Tuch von unseren Schultern ab,
Die Wolken stürzten wie Geröll
Von hohem Berg auf uns herab.

Die Pferde stöhnten neben uns,
Vom Schlangenbiss der Nacht verletzt,
Wir sahen hoch es hatte sich
Der Tod schon zwischen uns gesetzt.

Da stand Er auf und rief: Der Mut
Ist mächtiges als das Geschick!
Wir folgten Schritt vor Schritt und sah´n:
Der Tod blieb ohne Kraft zurück.

An die Liebesgöttin Hathor (Ägyptischer Hymnus)

Bild: Talestri


Komm, Goldene, die vom Gesange zehrt,
Deren Herzenswunsch der Tanz ist,
Die über Jubel zur Ruhezeit strahlt,
Die über Tanz in der Nacht glücklich ist.

Komm und wandle an der Stätte der Trunkenheit
In jener Säulenhalle der Ergötzung.
Ihre Ordnung bleibt, ihre Vorschrift steht.
In ihr gibt es keinen unerfüllten Wunsch.

Dich begütigen Königskinder mit dem, was du liebst.
Fürsten opfern dir immer wieder.
Dich preist der Festpriester mit Lobgesängen.
Der Gelehrte liest dein Festbuch.

Dich rühmt der Musikant mit seiner Trommel
Und die mit Tamburinen mit ihren Fingern.
Über dich frohlocken Frauen mit Kränzen
Und Mädchen mit Blumengebinden.

Dir lärmen Trunkene in der Nacht.
Dir singen die, welche am Morgen wecken.
Dir springen Beduinen mit ihren Gürteln
Und Nubier mit ihren Stöcken.

Die Libyer klettern vor dir am Kletterbaum.
Dich grüßen die Bärtigen vom Gottesland.
Dir hüpfen die Meerkatzen mit Stöcken
Und die Affen mit Stäben.

Für dich legen die Greife ihre Flügel an.
Zu dir heben die Füchse ihre Häupter.
Dich preisen die Nilpferde mit aufgesperrten Mäulern
Und erheben vor dir ihre Tatzen.

Aus S. Schott "Ägyptische Liebeslieder"

Eine Begebenheit von Khalil Gibran (1883 - 1931)

Bild: Talestri

An den Hof des Fürsten Birkasha kam einst eine Tänzerin, von Musikanten begleitet. Sie erhielt die Erlaubnis auftreten zu dürfen. Den Flammentanz tanzte sie und den Tanz der Schwerter und Speere. Sie tanzte den Sternentanz und den Tanz des Universums. Und schließlich tanzte sie den Tanz der Blumen im Wind.
Danach stand sie vor dem Thron des Fürsten und verneigte sich. Der Fürst bat sie näher zutreten und er sprach zu ihr: „Schönes Weib, Du Tochter von Anmut und Wonne, woher stammt Deine Kunst? Wie kommt es, dass alle Kräfte der Natur in Deine Bewegungen und in Deine Lieder fließen?"
Wieder verneigte sich die Tänzerin vor dem Fürsten und antwortete: „Mächtiger und gütiger Herrscher, ich kenne die Antwort auf Deine Fragen nicht. Ich weiß nur dies: Des Philosophen Seele wohnt in seinem Haupt, die des Dichters in seinem Herzen, die Seele des Sängers hält sich irgendwo in seiner Kehle auf - doch der Tänzerin Seele fließt in ihrem ganzen Körper!"

Maisun al-Kalbija, um 680, Beduinin

Bild: Talestri


Ein Kleid von Woll und frei das Herz von Leide
Ist lieber mir als ein Gewand von Seide.

Ein Zelt, an das der Wüste Winde schlagen,
Ist lieber mir als der Paläste Ragen.

Ein hart Kamel im freien Feld zu reiten
Ist lieber mir als Maultiers sanftes Schreiten.

Ein Hund, der für die Wandrer bellt zum Zeichen,
Ist lieber als die Kätzchen mir, die weichen.

Ein Bissen Brot im Winkel einer Hütte
Ist lieber mir als eines Kuchens Schnitte.

Ein Rüstiger und Schlanker, der mein Vetter,
Ist lieber als ein Tölpel mir, ein fetter.

unbekannter arabischer Dichter

Bild: Talestri

Auf zu kreisen hörte die Erde, steif wurden die Menschen
Und erfroren wie die Gewässer der Meere,
Tränen der Freude fielen nicht mehr vom Himmel,
Die Tage ähnelten stehen gebliebenen Uhren
Und ihre Bestimmung verloren die zur Fruchtbarkeit erkorenen Becken.

Da wehte vom Osten her ein Wind,
Schwer und voll gesogen vom Duft des Jasminstrauchs.
Er wirbelte und fächelte und tanzte um uns herum...

Oh, du Jasminblüte und deine erdhafte Harmonie -
deine Hüften kreisen und es vibrieren deine Schultern
Und deine Hände erinnern an die Flügel von Vögeln -
Die erfrorenen Sterne und die erstorbene Sonne umringen dich,
Um deine Bewegung zu bewundern.

Tanze und drehe dich - von einem Stern zum andern -
Von meinen Augäpfeln bis hin zur Sonne.
Der Nabel deines mit Blumen umkränzten Bauches
ist das Zentrum des Universums
Bei jeder Drehung fliegen Blütenblätter ins All
Und verwandeln sich in Kinder,
Deren jauchzende Schreie den Himmel erfüllen.

Trunken um deinen Bauch gaukeln die Sterne,
Der Mond lacht und tanzt auf den Bergen
Und deine Haare wehen im würzigen Wind.
Das Herz der Welt beginnt wieder zu schlagen;
Denn die von deiner Stirn herab fallenden Schweißtropfen
Düngen die Wiesen, die Felder und die Wälder.
Neu geboren wird meine tote Seele aus deinem Bauch,
Der nicht ermüdet in seiner Bewegung.

Oh, diese Freude über meine Geburt!
Dein Tanz und ich, der Himmel, die Sonne, der Mond und der Wind,
das Meer, die Erde, die Blumen und die Propheten -
Wir alle sind eins geworden.
Jedes mal wenn deine Hüften schwingen, verlängert sich
mein Leben um 1000 Jahre.
Jedes mal, wenn deine Hüften kreisen, verlängert sich
das Leben der Menschen um 1000 Jahre.
Jedes mal, wenn deine Hüften pendeln, tanzen 1000 Kinder mit dir den Reigen.



Aus "Das Bauchtanzbuch" von Dietlinde Karkutli

Dschamil Sidki Az-Zahawi, 13.Jh., arabische Lyrik

Bild: Talestri


DIE JÜNGERE:


Ich bin das Liebesvögelein, ich singe jeden Morgen, Und wenn der Morgen anhebt, dann weiß ich nichts von Sorgen. 's ist Zeit, o liebe Schwester! Wach auf vom Schlummer schnell - Die Nacht ist doch zu Ende, der Morgen leuchtet hell.

Du, öffne doch die Augen, die du noch halb verschließt! Sei froh, wenn du den Lichtglanz, die Luft erfüllend, siehst! Schau nur! Denn Schönheit füllt ja das Auge morgens ganz! Es leuchtet jedes Teilchen in einem heitren Glanz.

Wie zwischen Palmenhainen der Tigris drüben rauscht! Es drängt mich, aufzustehen, wenn man so liegt und lauscht. Den Nachtigallen lächeln die Blumen zu im Land, Der Wind bewegt die Zweige an der Kanäle Rand.

Die Nachtigall erwachte vor uns - wie schön sie singt! Auf! Daß wir es ihr gleich tun und horchen, wie es klingt!


DIE ÄLTERE:


Was du da siehst, o Schwester, das ist der Morgen nicht - Es ist, wie Silber fließend, vom Monde nur das Licht. Nein, noch ist fern der Aufgang der hellen Morgenglut. Wie schön die Nacht! Ihr Schlummer tut meinem Auge gut.

Ach, laß mich schlafen, weil ich im Schlafe träumen kann: O still! Der Liebste oder sein Traumbild spricht mich an! Er war von mir gegangen, und nun besucht er mich - Ach, laß an seiner Nähe mein Auge freuen sich.

Wie mir sein Traumbild lächelt! Und wie es näher zieht! Wenn ich die Augen öffne, wie rasch das Bild entflieht!

Des Freundes Antlitz ist mir mehr als das Morgenlicht, Denn wer den rechten Weg kennt, fragt nach dem Irrtum nicht. So lass mich mit den Freuden, die mich im Schlafe laben, Und laß den Morgen denen, die gar nichts andres haben!