Cornelia Rother, Dezember 2011


Ich freue mich sehr, die Erlaubnis der Fachzeitschrift "Halima" erhalten zu haben, dass nachfolgende Interview mit Azad Kaan von Helena Lehmann in Beshkan veröffentlichen zu dürfen.
Erstmals erschienen in Halima 4. Quartal 2009.
Der Link zur Fachzeitschrift:
www.halima.de

Es war für mich die eindringlichste und nachhaltigste Erfahrung im orientalischen Tanzbetrieb: ein Workshop mit Azad Kaan! Alle meine Ressentiments gegen Männer die bauchtanzen waren beim ersten Tanzschritt verschwunden. Azad Kaan ist ein großartiger Tänzer, der mit Humor und Begeisterung lehrt. Die Freude an Bewegung, die Energie die Tanz in unserer Seele frei setzt, fließt vom ersten Augenblick. Azad schafft eine Atmosphere in der, der persönliche Tanzleval keine Rolle mehr spielt. Frau / Mann hat einfach Spaß am Lernen und Staunen.

 
Azad Kaan, Berlin - Lyrical Orientaldance

„… Aus Dir wird noch was.“


Helena:
Wie fühlst du dich heute?
Azad: Müde… Es ist 01:02 Uhr nachts. Ich will ins Bett, bin fertig und einfach leeeeeeeeeeer.

Helena: Du hast 20 Sekunden, um für etwas zu werben. Los.
Azad: Gegenseitige, schätzende und treue Liebe…!

Helena: Wenn du drei Wünsche frei hättest, wie würden sie lauten?
Azad: Leidenschaftliche Liebe, Tanz, Sohn/Tochter.

Helena: Welche Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?
Azad: Coca-Cola, Magnum-Eis und einen Spiegel.

Helena: Was sind die vier wesentlichen Säulen der Liebe?
Azad: Leidenschaft, Treue (Monogamie!!!), Zuwendung, MUT (=Stärke und erfordert Charakter)

Helena: Beherrscht der Körper den Verstand oder beherrscht der Verstand den Körper?
Azad: Ein Kampf der Giganten … Weiß ich nicht ... Jahrelang dirigierte mein Verstand den Körper, nun regiert der Körper den Verstand. Vielleicht einigen sie sich mal!

Helena: Welchen Telefonanruf wirst du nie vergessen?
Azad: Als ich die unerwartete Zusage für mein Studium erhalten hatte. Von 1.500 Bewerbern war ich der Einzige in einem internationalen Unternehmen, der die Möglichkeit für einen dualen Studiengang im Inland und Ausland bekam.

Helena: Wann, warum und wie hast du mit dem orientalischen Tanz begonnen?
Azad: Ich will euch jetzt nicht die Standardgeschichte auftischen, dass jeder Tänzer schon vom Kleinkindalter an und so weiter (lacht). Es ging bei mir sehr flott mit dem Tanz. Ich bin sehr traditionell und vorbildlich türkisch erzogen worden.
Für meinen Vater war es wichtig, dass ein Türke sich vorbildlich und richtig präsentiert, weil er der Meinung ist, die europäischen Türken repräsentieren sich sehr schlecht. Jeder Deutsche sollte mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: „Das ist ein wahrer Türke!“ (lacht). Die Grundsätze meiner Erziehung waren immer: Höflich, nett, tolerant, gut gebildet und professionell sein in allem, was man macht, wohlerzogen, manierlich, intelligent, präsentabel, gepflegt, musikalisch, religiös, traditionsbewusst und offen für jeden und für jede Kultur.
Daher wurde ich sehr der schönen und wahren Kultur angemessen erzogen, musste sowohl die deutsche (weil wir hier leben) als auch die türkische Geschichte gut kennen und beide Sprachen nicht gut, sondern perfekt sprechen können – auch wenn er die deutsche Sprache nicht perfekt beherrschte.
Zwangsläufig kam die klassische türkische Kunst- und Volksmusik in die Erziehung mit hinein, denn die Musik ist das wahrste und treuste Element im Volk, das die Emotionen, Sichtweisen und Geschichte widerspiegelt. Und wenn man als Türke noch ein echter Halbroma ist, dann erst recht. Musik und Tanz sind bei Türken viel weiter verbreitet als bei Arabern.
Auf Hochzeiten, bei Beschneidungszeremonien usw. tanzt jeder mit jedem. Und bei uns in der Familie die Männer erst recht. Die echten und letzten „Köceks“ (männliche Hoftänzer der Osmanen) aus Bartin (der Heimatstadt meiner Eltern am Schwarzen Meer) waren Schulkameraden meines Vaters.
Daher war ich immer mit der Musik in Kontakt und habe heimlich immer in meinem Zimmer getanzt, aber bis ich 16 Jahre alt wurde nie vor Publikum. Eines Tages ging ich in die Volkshochschule, um zu sehen, wie deutsche Frauen bauchtanzen und konnte mir gar nicht vorstellen, dass diese Frauen Interesse am Orient haben, weil man ja sonst immer denkt, dass WIR Orientalen die Frauen unterdrücken, schlagen und verschleiern. Das war sehr widersprüchlich für mich. Letztendlich war es ein Hin und Her, ob ich nun im Unterricht zuschauen durfte oder nicht, weil es sich ja um einen Anfängerkurs handelte und mir unterstellt wurde, ich wolle diese Frauen sozusagen bespannen (lacht). Na ja, als man mir die Bedingung stellte, ich dürfe nur zuschauen wenn ich auch mittanze, konnte ich ja schlecht widersprechen. Es war ein Dienstagabend um 19:45, meine ich, der Anfängerkurs bei meiner ersten wichtigen Bauchtanzlehrerin, Angelika Mager, der ich sehr viel Gefühl im Tanz verdanke. Die Frauen waren so begeistert von meiner lustigen Art und wollten, dass ich bleibe und ich entschied mich, im Kurs zu bleiben. Einfach just for fun und nicht, um Tänzer zu werden, denn ich hatte zu jener Zeit eine vielversprechende Wirtschaftskarriere eingeschlagen und war nebenbei ein überzeugter bauchwackelnder Orientale.
Nach einer Stunde Training sagte Angelika zu mir: „Du bist eine Frustration für die Frauen. Du kommst nächste Woche bitte eine Stunde später zu den Fortgeschrittenen und machst da mit.“ Letztendlich stand ich einen Monat später mit Angelika und meiner besten Freundin, Nadine Lachenmaier, die nun bei Iwanson und eine fabelhafte Bauchtänzerin ist, auf der Bühne und nach drei Monaten konnte mich Angelika nicht mehr unterrichten, weil ich schon alles konnte, wie sie sagte. Ich konnte natürlich vieles schon vor dem Kurs und auf türkischen Hochzeiten war ich immer – als Roma erst recht – gern gesehen beim Tanzen. Ich wollte Verbindungen und Schritte bei Angelika lernen. Und diese Frau hat mir wirklich gezeigt, wie man Gefühle im Tanz zum Ausdruck bringen kann. Es ging schon in eine sehr esoterische Richtung, aber ich habe viel gelernt, nicht so viele Bewegungen, aber die Emotionen und Verbindungen. Auch wenn ich immer schon ein theatralischer und ausdrucksstarker Mensch war, selbst wenn ich gar nichts ausdrücken möchte und nur an meine nächste Telefonrechnung denke. Zu jener Zeit war ich dann im Stuttgarter Raum sehr mit einigen türkischen Folkloregruppen und mit meinen eigenen Shows präsent und hatte einen besonderen Ruf als Tänzer. So fing das alles an.

Azad Kaan bei Iwanson, München



Helena: Glaubst du, dass dein kultureller Hintergrund Einfluss auf deine Entscheidung hatte, dich intensiv mit dem orientalischen Tanz zu beschäftigen?
Azad: Teils, teils. Es ist letztendlich in der heutigen Gesellschaft, egal ob man Orientale ist oder nicht, nicht einfach, auch wenn wir in Deutschland über bestimmte Themen offener reden als im Orient. In Deutschland ist nicht alles toleriert, auch wenn es akzeptiert ist. Die Erziehung, die ich von meinen Eltern genießen durfte, machte mich wirklich sehr frühreif, bereits im Kindesalter. Ich wurde zur Selbständigkeit erzogen und hatte immer ein wohlerzogenes Bild nach außen zu vermitteln. Tanz war etwas Besonderes in unserer Kultur, aber nicht als Beruf. Ich habe durch meine musikalische Erziehung sehr viel gelernt und brauche nur die Melodie zu hören und kann diese sofort tanzen. Das ist halt so in meinem Gedächtnis.
Aber es gab schon Probleme, als ich anfing, öffentlich zu tanzen. Und als in den regionalen Zeitungen viele und nicht ganz kleine Berichte über mich kamen, war es sehr kritisch. Mein Wirtschaftsstudium und so weiter, alles wurde nicht einfach. Die größte Angst meiner Eltern war, dass ich in eine derart tuntige und frauenimitierende Rolle übersteige, wie ich sie selbst sehr verabscheue. Folkloreauftritte waren immer sehr angesehen, aber Bauchtanz nicht so und ich bin sicherlich einer der wenigen Tänzer, der versucht, in seinem Erscheinungsbild so schlicht wie möglich zu sein. Meine Eltern sind sehr tolerant, aber was sagen die Leute!! Die Leute redeten ihnen auf gut Deutsch gesagt „Sch…“ ein. Und über mich damals erst recht. Denn, mit 24 Jahren, hatte ich fünf abgeschlossene staatlich anerkannte Abschlüsse und Berufe und zusätzlich fünf Fremdsprachen. Damit konnten viele nicht im Freundeskreis meiner Eltern. Daher war der OT immer eine große Angriffsfläche gegen mich und ich verheimlichte meine Auftritte vor diesen Leuten. Aber sie bekamen das trotzdem immer mit (lacht). Irgendwann war es mir so was von egal. Denn ich sah den OT nicht mehr als Tanz, sondern eher eine Herausforderung für mich und wollte von Null beginnen und neu lernen und zog mich von Auftritten zurück, um Professionalität zu erlangen. Nicht nur, um von OT-Szene respektiert zu werden, sondern sogar von der Ballett- und Jazzdance-Szene als OT-Tänzer anerkannt zu werden, was mir auch gelungen ist. Ich kann mich in beiden Szenen zeigen. Es war aber eine sehr harte Arbeit. Ich habe auf alles verzichtet, auf viel Geld in meiner Arbeit, auf Familie, auf Liebe und Unterstützung. Lustigerweise, obwohl männlicher Bauchtanz bei Orientalen (egal ob bei Arabern oder Türken) nicht angesehen ist, hatten sie vor mir sehr großen Respekt, da ich dennoch immer männlich war und nie bauchfrei getanzt habe und auch NIE machen würde! Denn das widerspricht meinen traditionellen Grundsätzen. Ich möchte damit niemanden vor den Kopf stoßen, diese Aussage bzw. Regel betrifft nur mich. Und jeder männliche Bauchtanz ist im Grunde feminin – egal wie er getanzt wird.

Azad Kaan - Der Tänzer



Helena: Glaubst du, dass der Tanz dich in deiner persönlichen Entwicklung beeinflusst hat?
Azad: Sehr! Der Weg zum Tanz, zu „meinem Tanz“, veränderte mich als Mensch komplett. Mein Körper, meine Haltung, meine Perspektiven, meine Gesten, meine Eindrücke, meine Reaktionen haben sich alle geändert. Außer meinen Gefühlen, das sind noch die gleichen, aber ich kann sie nun in Form von Bewegung präsentieren. Das ist die einzige Änderung. Ich zeige nicht immer meine wahren Gefühle, aber zur Zeit kommt es auf der Bühne öfter vor, dass ich einen emotionalen Ausbruch im Tanz habe. Das ist dann ein wahres Geschenk von mir.

Helena: Kommentiere bitte folgende Aussage: „Nur Menschen, die aus dem orientalischen Kulturkreis stammen, verstehen es, die orientalische Musik richtig umzusetzen, auch ohne Ausbildung.“
Azad: Jein… finde ich nicht immer. Man muss in Deutschland einfach akzeptieren, dass man im Orient (und damit meine ich NIE nur Ägypten) einfach mit der Kultur und mit der Musik aufwächst und das schon im Kindesalter in die Psyche eingetrichtert bekommt. Das ist einfach die Kultur, auch wenn man im Ausland lebt und erzogen wird. Den Orientalen fällt die musikalische Umsetzung leicht, weil die Instrumentierung und die Melodie einfach bekannt sind. Es ist ein Teil des Lebens. Genauso wie das Kind den Herzschlag der eigenen Mutter sofort erkennt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Nicht-Orientalin sich die Mizmar reinzieht, wenn es ihr emotional schlecht geht, aber ich tu das gern. Nicht-Orientalen müssen sich erst mal damit identifizieren und die Musik kennen lernen. Das ist ja machbar. In Deutschland gibt es ja einige Beispiele dafür. Ich denke da z. B. an Ayun. Man würde nie auf die Idee kommen, dass diese Frau eine waschechte bayrische Münchnerin ist, auch im Tanz nicht. Andererseits sieht man irgendwelche Orientalen, die auf der Bühne ihre epileptischen Anfälle bekommen und man meint, das sind Shimmys. Musikalität ist nicht gleich tänzerisches Können oder Professionalität. Die Beschwingtheit der Hüften ist ja kultur- und menschenabhängig. Die Europäer sind halt strikt, genau und klar definiert, was ich sehr mag, und die Orientalen eher gelassen, unpünktlich und ungenau. Das ist auch in der Körperhaltung zu sehen. Daher kommt das Ballett aus den europäischen Ländern und Oriental aus dem Orient. Man kann alles erlernen! Ein Nicht-Orientale könnte wie ein Orientale sein, aber dafür muss man die Kultur ausleben und sich nicht nur im Urlaub die Beduinen ansehen. Und das Tanzen ist wiederum etwas anderes. Denn Tanzen können es viele und ich finde, dass europäische Frauen (italienische, deutsche, etc.) viel professioneller und bühnentauglicher OT tanzen als Orientalinnen, die nur am Platz ihre Shimmys machen. Diese Möchtegern-Authentitätskrisen möchte ich erst recht nicht ansprechen, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich selbst habe im OT vor allem meine sehr gute Technik, die ich tanze und unterrichte, von Deutschen gelernt und zwar vonvon Yasmin
von Yasmin Al Ghazali und da können die meisten Orientalinnen gar nicht mithalten. Das beantwortet glaube ich, alles.

Azad Kaan, Split (Kroatien) - Dancing on floor


Helena: Welcher der vielen Stile oder Spielarten des „orientalischen Tanzes“ liegt dir am meisten?
Azad: Raqs Turki, sprich der Turkish Bellydance Style, der sehr abwechslungsreich, kurzweilig und temperamentvoll ist. Ich habe mich auf diesen Stil sehr intensiv spezialisiert und feststellen müssen, dass alle Vorurteile über den nackten Türkenbauchtanz falsch sind. Es gibt einige türkische Newcomer-Kollegen von mir, die unter Turkish Bellydance Style oder Contemporary Style Themen unterrichten, aber ich sehe, dass viel Unsinn dabei unterrichtet wird. Die Aussage solcher Tänzer ist dann: „Ach, wenn ich mit meinen Sachen unter „ägyptischen Stil“ komme, glaubt das mir keiner. Türkischen Stil kennt keiner und da kauft man mir das ab.“ Das ist ein Zitat eines Tänzers (Name unwichtig). Der türkische Stil ist ein sehr eleganter und energiegeladener Stil. Aber ebenso ein sehr gefühlvoller Raqs Marsi (Egyptian Style Bellydance) oder temperamentvoller Raqs Lubnani sagt mir sehr zu. Ich kann mich nicht auf einen Stil festlegen. Ich tanze das, was ich in der Musik höre. Aber eins stört mich in der Szene! Es werden viele türkische Stile angeboten, die nicht das Wahre oder Professionelle widerspiegeln. Ich saß viel mit Nesrin Topkapi zusammen und habe sie richtig ausgequetscht. Heute unterrichten manche Leute den Stil, ohne zu wissen, um was es geht. Keiner kennt diesen Stil und man erzählt den Leuten dann irgendwas vom Pferd.

Helena: Mit welchen Tanzaccessoires beschäftigst du dich am liebsten?
Azad: Mit mir selbst (lacht)! Meiner Auffassung nach ist der Tänzer selbst sein Accessoire. Ich lernte in meinem Tanzstudium, dass es nicht um mich geht, sondern um den Tanz und ich das notwendige Werkzeug dazu bin. Das prägte mich sehr. Aber die Klassiker wie Säbel, Kerzentablett, Shamadan, Schleier usw. sind in meinem Repertoire. Denn alles außer Schleier kommt bei Türken gigantisch an – nur als Tipp mal erwähnt.

Helena: Was ist dir im Tanz sehr wichtig und worüber kannst du bei Auftritten anderer nicht hinwegsehen?
Azad: Hauptsache sie ist geil – und das meine ich auch. Egal, was getanzt wird, es muss mitreißend, gefühlvoll, leidenschaftlich und temperamentvoll sein, wie im „wahren Leben“, NUR so mag ich es. Egal welche Technik und welche Mimik dabei verwendet wird. Jede/r Tänzer/in muss ihre/seine Stärken präsentieren und nicht die Schwächen. Die Schwächen sind zum Abtrainieren da und ich dulde es nicht, Schwächen auf der Bühne zu sehen. Und mit Schwäche meine ich nicht die Technik.

Azad Kaan - der Tänzer



Helena: Wie gestaltete sich dein tänzerischer Lebenslauf?
Azad: Habe das meiste und kürzeste (lacht laut auf) vorhin schon mitgeteilt. Ich habe ohne große Vorlaufzeit gleich mit Profistunden und Workshops angefangen. Ich dachte damals, ich sei der beste Bauchtänzer, denn alles wackelte und großes Talent hatte ich auch. In der Stuttgarter Türkenszene war schon vor sechs Jahren Azad Kaan auf der Bühne und als ich die OZ-Szene kennenlernte, kam ich zurück in die Realität und begann mit Workshops und professionellen Tanzausbildungen im OT-Bereich. 2002 wagte ich mich mit meinen krummen Beinen und mit meinen 100 kg an eine professionelle Bühnentanz- und Diplom-Tanzpädagogen-Ausbildung in München bei Iwanson. Und habe sie mit großem Erfolg von zart bis hart durchgezogen und beendet.

Helena: Gab es bestimmte Mentoren oder Förderer, die dich und deinen Stil beeinflussten?
Azad: In erster Linie ich mich selbst. Ich war mein eigener bester Lehrer, habe fast alle Möglichkeiten, die mir ermöglicht wurden, wahrgenommen und habe bei namhaften Dozenten und Tänzern Unterricht genommen – sowohl im Bauchtanz als auch im zeitgenössischen Tanz. Geprägt hat meinen Stil keiner so richtig, zumindest aus der OT-Branche nicht. Ich habe viel Input bekommen und von anderen gelernt, aber aussortiert, geformt und meiner Seele und meinem Körper entsprechend habe ich es angepasst und unterrichtet. Und nicht alles, was man mir beigebracht hat, habe ich übernommen. Das wahre Tanzen haben mir zwei Frauen beigebracht: Pia Fossdal und Stefanie Erb (Choreographinnen aus München). Sie haben mich auf Bühnentanz getrimmt, weil sie wussten, dass ich auf der Bühne präsent war. Weitere Namen wie Nesrin Topkapi, Angelika Mager (meine erste Lehrerin), Yasmin El Ghazali, Seetha, Regine Blum gehören dazu, die mich tänzerisch prägten und pädagogisch vor allem Said el Amir, bei dem ich jahrelang viele und sehr wichtige pädagogische Grundlagen lernte und ihm diese verdanke, auch wenn unser Unterrichtsstil sehr unterschiedlich ist.

Helena: Wie kamst du zu deinem Künstlernamen?
Azad: Künstlernamen finde ich oft bescheuert, sagen nichts aus und haben meist im Orient übersetzt lächerliche Bedeutungen. So nennen die meisten Orientalen nicht mal ihre Kinder. Bei mir handelt es sich um einen Teilkünstlernamen. Ich heiße Selcuk Azad Yilmaz. Ich habe einen Doppelnamen und zu Azad habe ich den Kaan (ohne h) dazu gesetzt, weil Kaan ein männlicher türkischer Name ist, der mir sehr gefällt und ich auf jeden Fall meinen Sohn mal so nennen werde, oder, wie das mein Arbeitskollege so schön sagt: „Hey Alder, der Name Azad Kaan haut richtig rein, wie die Mafia.“ Es gefällt mir einfach. Aber ich gestatte niemanden mehr, mich Selcuk zu nennen, auch wenn ich diesen Namen liebe.

 

Azad Kaan - Zaar



Helena: Was ist schlecht daran, ein Tänzer zu sein?
Azad: Als Mann IMMER den Ruf zu haben, man sei ein halber Mann oder eine Tunte, was leider Gottes sich öfters bestätigt. Aber ich bin stolz ein wahrer Mann zu
ein.

Helena: Kannst du uns drei wenig bekannte Fakten über dich nennen?
Azad: Sich nach wahrer Liebe sehnend, schwach und „altmodisch sein“ für die neue Generation.

Helena: Was ist das schönste Kompliment, das du je erhalten hast?
Azad: Oh weia, das ist aber schwer. Hmmm, keine Ahnung. Habe ich überhaupt schon welche bekommen (lacht)? Ja, habe ich! Moment, das schönste… (überlegt). Sagen wir mal so, eher eine Geste anstatt eines Kompliments, das mich sehr stolz machte. Die legendäre Nesrin Topkapi sagte zu mir: „Ich bin nur wegen dir hierhergekommen. Um nur deinen Auftritt in dieser Masse zu sehen. Schön, aus dir wird noch was.“ Und einer der weltbesten Primo Ballerinos, Lásló Nyakas, sagte: „ Du wirst nie ein so ein hohes Passé und ein perfektes Tendue wie die guten Balletttänzer haben und das weißt du, aber ich finde es sehr faszinierend, wie leidenschaftlich und temperamentvoll du dies ausführst. Und das fehlt den meisten großen Tänzern, die ich unterrichte.“ Dabei kommt es mir nicht darauf an, was gesagt wurde, sondern von WEM es gesagt wurde. Aber ich bin für alle ernstgemeinten Komplimente, egal in welcher Hinsicht, auch Kritik, sehr, sehr dankbar.

Helena: Was machst du lieber – tanzen bzw. auftreten oder unterrichten?
Azad: (Lacht) Am liebsten nur „zuschauen“ (grinst). Alles … mir gefällt alles. Ich tanze liebend gerne, auch wenn ich jedes Mal sehr aufgeregt bin und unterrichte auch jedermann. Das Unterrichten unterschiedlichster Menschen gibt mir so viel an Erfahrung, Stolz u
d Würde zurück. Das ist unglaublich, egal ob es gefällt, was ich mache, aber ich sehe, dass jede(r) etwas mitnimmt und wenn es nur ein Fingerschnipsen ist. Letztendlich muss man sagen, dass wir OT-Tänzer nur vom Tanzen nicht leben können, d. h. das Unterrichten ist die Haupteinnahmequelle, auch bei mir.

Helena: Was ist dir in deinem Unterricht wichtig?
Azad: Tanz ist das wichtigste in meinem Unterricht. Das beinhaltet: Qualität, Emotionen, Technik, Offenheit, stilistische Arbeit, Temperament (Drama-Queen) und das wichtigste, egal was getanzt wird, es muss mit Temperament und Leidenschaft getanzt werden, auch wenn die Bewegung bei dem einen mal danebengeht.

Azad Kaan, Frankfurt - Modern Dance



Helena: Hast du denn noch Lampenfieber?
Azad: Oh ja und wie! Ich hatte Angst, dass Auftritte irgendwann mal eine Routine und langweilig für mich werden. Das wurden sie im kleineren Rahmen auch mal. Aber jetzt bin ich immer gelassen vor einem Auftritt, aber die letzten zwei Minuten vor der Bühne könnte ich sterben. Ich fordere mich mit jedem Tanz selbst heraus, daher kommt das Lampenfieber bei mir und ich will mit jedem Tanz immer wieder neue und bekannte Herzen ansprechen. Das ist kaum zu schaffen und nehme sogar ein kleines Kind, das mir zuschaut, sehr ernst.

Helena: Was schätzt du an deinen Kolleginnen am meisten?
Azad: Bei Kolleginnen, mit denen ich viel arbeite, schätze ich, trotz Professionalität und Bekanntheitsgrad, die Bodenständigkeit und nicht die Ich-Bezogenheit.

Helena: Hast du ein Ensemble?
Azad: Jaaaaaaaaaa! Hurraaaaaaaaaa, jetzt schon! Ich habe alles in München aufgegeben und bin nach Fürth/Nürnberg umgezogen, um mit einer der zauberhaftesten Frauen der Welt zusammenzuarbeiten und dort die Basis meiner Tanzkompanie zu gründen: Und mit Seethas Schule, dem Chakra DanceCenter, habe ich auch meinen Traum von einer Company verwirklicht. „Raks – The Dance Company“ heißt meine Company, die sich traditioneller und moderner Tanzkunst sowie zeitgenössischen Tanzkunstformen widmet, mit namhaften Größen aus der OT- und Modern-Szene arbeitet und in der wichtige SchülerInnen von mir engagiert sind. Seetha und ich haben zusammen ein Konzept erarbeitet und werden eine schöne Showgruppe erschaffen und alles in unserem eigenen Rahmen. Ich bin gespannt was alles kommt!

Helena: Mit welcher Tänzerin würdest du gerne mal zusammenarbeiten?
Azad: Seetha aus Fürth. Eine Frau und Tänzerin, die zu den wenigen gehört, die mich als Tänzerin und als Mensch wirklich sehr berühren und mitreißen. Eine Frau, von der ich noch viel lernen kann. Sie hat mich als zweiten künstlerischen Leiter neben sich selbst in ihrer Schule engagiert und nun agieren wir als ein großes Dance-Center, das seine Tore für alle Tanzsparten weit geöffnet hat, und wir bauen ein großes Spektrum an Angeboten und Möglichkeiten auf. Letztendlich bin ich für alle TänzerInnen offen … bin ja selbst einer und ich finde, man sollte meman sollte mehr kooperieren
mehr kooperieren als zu konkurrieren. Es gibt tausend Namen mit denen ich arbeiten möchte.

Helena: Welche Dinge nerven dich?
Azad: Diven und Möchegern-ich-bin-ein(e)-tolle(r)-TänzerIn-Getue. Letztendlich kaufen wir alle bei Lidl, Norma und Aldi ein, sind stinknormale Menschen wie Tante Emma auf der Straße. Leider verlieren manche Leute den Bezug zur Realität. Wir sind alle nur Tänzer und keine Weltstars. Ein Beruf wie Friseur, Koch und Verkäufer. Nicht mehr und nicht weniger. Und als Tänzer erst recht; wir sind alle keine Nurijews.

Workshop mit Azad Kaan



Helena: Hast du bestimmte Pläne für deine Zukunft?
Azad: Einige wichtige Pläne habe ich, solange ich noch hier in Deutschland bin. Vor allem in Verbindung mit der Company sind viele Ideen vorhanden und es wird schon fleißig daran gearbeitet. Auch wenn ich dummerweise einige meiner Ideen preisgegeben habe und man sie schon auf der Bühne zu meiner Musik sehen durfte. Was dabei letztendlich heraus kommt und ob alles umsetzbar ist, wird die Zeit zeigen. Wir sind alle gespannt.

Helena: Mit welchen Persönlichkeiten aus Geschichte oder zeitgenössischer Politik oder Kunst würdest du gerne reden?
Azad: Mit dem Vater der Türken, Mustafa Kemal Atatürk. Ein Weltname in der Politik und in der Geschichte, dieser Mann. Er hat wirklich die ganze Welt mit seiner Offenheit, Bescheidenheit, Leidenschaft und Intelligenz fasziniert. Ich hätte ihn gern kennen gelernt, weil er ein Mensch war, der nicht nur die moderne Türkei gegründet, sondern auch in vielerlei anderer Hinsicht den Orient verändert hat. Und sein Verständnis und seine Hingabe an die Kunst fasziniert mich ebenso sehr.

Helena: Was war dein Spitzname in der Schule?
Azad: (Lacht laut) Neee, das sage ich NIEMALS … NIEMALS! Ne, ne, geht gar nicht!

Helena: Bist du schon oft umgezogen?
Azad: Ich bin gebürtiger türkischer Gelsenkirchener, bin aufgewachsen bei den Schwaben in der Nähe von Stuttgart, in den letzten 3 Jahren war ich in München wohnhaft und ab jetzt in Fürth. Na ja, da geht einiges.

Helena: Wenn du dich entschuldigen müsstest, bei wem wäre das?
Azad: Hört sich blöd an, aber bei mir selbst. Ich habe für andere Menschen viel zu viel getan und dabei eine Zeitlang den Respekt zu mir selbst verloren. Jetzt habe ich ihn wieder. Und ich gebe logischerweise auf die Körper anderer viel mehr Acht als auf meinen eigenen.

Helena: Welchen Teil des menschlichen Körpers findest du am schönsten?
Azad: Die Augen. Nicht bei jedem, aber ich schaue immer in die Augen und merke mir jede Pupille, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe.

Helena: Was ist das Unheimlichste, was du je in den Mund genommen hast?
Azad: Öhhhmmmmmmmmmmmm … nix … anderes Thema (grinst frech). Na ja, es war eine große Fliege, die während des Fahrradfahrens direkt in meinen Rachenraum flog (lacht). So schlecht hat sie jetzt auch nicht geschmeckt … igitt.

Helena: Gibt es etwas, das du am meisten willst?
Azad: Ja, eine erfolgs- und leistungsorientierte Tanzkarriere, nicht nur im OT, und dann frühzeitigen Abgang für die Gründung einer bodenständigen Familie mit Kindern.



Helena: Wann hast du das letzte Mal deine Nerven verloren?
Azad: Jetzt, vor kurzem, sprich heute bzw. gestern Morgen. Mein Umzug und die Wohnungsübergabe. Die Nerven verliere ich selten, auch wenn ich oft gefrustet bin. Aber eine Explosion gibt’s alle 10 Jahre einmal. Die war letztes Jahr.

Helena: Welche Dinge verabscheust du?
Azad: Fisch.

Helena: Welche Liedtexte bedeuten dir wirklich etwas?
Azad: Was Bekanntes: „Inta Omri“ von Oum Kalthoum. Daher werde ich das Stück nicht tanzen, eh ich nicht in DEN Menschen verliebt bin, der mich den Emotionen dieses Stückes näher bringt.

Helena: Was hättest du am liebsten geerbt?
Azad: Gar nichts, habe alles von meinen Eltern bekommen, was ich verdiente. Und was ich nicht verdiene, muss ich mir erarbeiten.

Helena: Welchen Teil deines Körpers würdest du verändern, wenn du könntest?
Azad: Ich habe einige körperliche Macken, vor allem wurde mir im Studium immer gesagt, dass mein Körper im Tanz gegen mich kämpft, was auch stimmt. Aber ich strapaziere ihn zu sehr und gebe ihm nicht die Achtung, die ich anderen Körpern schenke. Daher liebe ich ihn schon sehr, trotz Macken. Gott sei Dank ist er noch vollkommen bei mir.

Helena: Wo und wann war für dich die peinlichste Situation?
Azad: Während einer Messe gab es Probleme mit meinem Zimmer und es mussten diverse Leute in meinem Zimmer verstaut werden. Und als ich ganz alleine im Zimmer war und mich für die Show fertig machte, kam ich splitternackt aus der Dusche und sah auf einmal drei schockiert schauende Frauen, Bauchtänzerinnen, auf meinem Bett sitzen und mich anstarren. Aber ich muss gestehen, das war sicher ein sehr, sehr netter Anblick für die Damen (lacht).

Helena: Als was wäre es für dich unangenehm, in Erinnerung zu bleiben?
Azad: Als ein billiger Möchte-gern-Bauchtänzer, der eine Frau im OT imitiert. Trotz Weiblichkeit des OTs und „dezent“ geschmückten Kostümen, sollte man seine Wurzeln nicht verlieren und ein Mann sein. Ich möchte im Bauchtanz niemals eine Frau ersetzen.

Helena: Was ist das entzückendste an dir?
Azad: Mein Bauch (lacht). Keine Ahnung, die Menschen hatten immer etwas an meinem Körper auszusetzen gefunden. Aber ich glaube es ist mein „Cooper-Blick“. Das sagte ein wichtiger Freund immer, der einen kleinen Hund kannte, der so hieß.

Helena: Was kaufst du, ohne genug davon zu bekommen?
Azad: Oh Gott, die schlimmste Erfindung, die es je gab: Schokolade.

Helena: Was ist die beste Art, auf Wiedersehen zu sagen?
Azad: Ein tiefsinniger und sehnsüchtiger Blick, dann einen sanften und intensiven Kuss auf die zarten Lippen des/r PartnerIn mit dem Text: „Ciao, Schatz“ (lacht).

Helena: Was ist deine Vorstellung von einem perfekten Tag?
Azad: Samstag um 10:00 Uhr aufstehen, mit dem Partner einkaufen gehen, dabei streiten, nach Hause kommen, sich versöhnen, Mittagessen, Deutschland sucht den Superstar anschauen bis 15 Uhr (läuft das denn da?), um 16 Uhr Kaffee trinken, mit Freunden bis 19 Uhr aus sein, heim kommen, im Pyjama auf der Couch mit dem Partner kuscheln und TV sehen und um 21 Uhr am Samstag ins Bett. Perfekt … so stelle ich es mir vor.

Helena: Worüber machst du keine Witze?
Azad: Über körperliche Behinderungen anderer Leute und kulturelle Sitten vieler Menschen.

Helena: Was bedauerst du am meisten in deinem Leben?
Azad: Dass ich viel zu spät zu mir selbst fand und spät anfing, professionell zu tanzen und meinen Körper im Tanz und mit Fitness viel zu spät formte.

Helena: Wenn es dir erlaubt wäre, nur einen Brief zu schreiben, an wen wäre er und was wäre der Inhalt?
Azad: An wen: Kann ich noch nicht sagen, diesen Menschen habe ich noch nicht in meinem Leben getroffen. Er sollte meine zweite Seele sein, dem ich die gewaltige Liebe und den emotionalen Vulkan in meinem Herzen schenken kann und in dem es widergespiegelt wird. Und genau dieser Person würde ich nur über meine Liebe und meine Sehnsucht schreiben, schnüff. Melancholie wurde in meinen Genen ebenfalls gefunden, das Drama pur (lacht).



Azad Kaan ist zu erreichen unter:

www.azadkaan.com

Email:
info@azadkaan.com