Dienstag, 27. November 2007, von ElhamRaks, Lektorin Melanie Tilch

der Tanz der Kämpfer

Vittal Rao tanzt den "Perini Shiva Tandavam", in A Bild: Cornelia Rother

Der "Perini Shiva Tandavam" war für mich der spektakulärste Tanz auf dem 21. Weltkongress CID, vom 5. bis 9. September 2007 im Dora Stratou Tanz Theater in Athen.
Thema dieses Jahres war „Tänzer ohne Grenze“, obwohl die ganze Veranstaltung durch die Anzahl der Teilnehmer aus Indien und die vielen indischen Tänze nicht besonders international oder grenzenlos war. Nicht nur Inder und Inderinnen haben dieses Jahr Tänze aus Indien getanzt und auch Workshops angeboten, sondern auch TänzerInnen aus den Niederlanden, aus Frankreich und aus den USA haben Tänze und Workshops aus Indien präsentiert.
Trotz des Bollywood-Fiebers in Europa und in Deutschland wurde erstaunlicherweise kein einziger Tanz à la Bollywood präsentiert, und auch alles, was unter Kathak und Bharata angeboten wurde, hatte kein bisschen Ähnlichkeiten mit dem, was wir unter Tänze aus Indien in Deutschland dargeboten bekommen. Kurz gesagt, hier wird alles verdeutscht oder fürs deutsche Publikum so manipuliert, dass der Ursprung nicht mehr erkennbar ist.
Ich war gerade mit meiner Performance fertig, habe mich umgezogen und wollte zu meinem Platz im Publikum zurück,..... da habe ich Karkhani Vittal Rao auf der Tanzfläche gesehen, göttlich, kämpferisch, männlich..... und ich war auf der Stelle wie fest zementiert. Ich habe sogar vergessen, mir meine Stola über die Schultern zu werfen, so dass ich mit einer furchtbaren Erkältung von Athen zurück geflogen bin. Zum Glück gab es in Athen ganz wenige Mücken, sonst hätte ich durch meinen (vor Erstaunen) offenen Mund sämtliche Mücken des Open-Air-Theaters runter geschluckt.

Workshop mit Vittal Rao

Verzaubert von dem Tanz nahm ich am nächsten Tag an einem Workshop von Rao teil und versuchte mit anderen Teilnehmern, seine präzisen, kämpferischen Bewegungen nachzumachen, vergeblich natürlich. Er teilte seinen Workshop in Perini und in Bollywood auf. Hinter ihm stehend und seinen Bewegungen folgend habe ich zum ersten Mal eine Neigung zu Bollywood gefühlt und dachte: “Wenn das Bollywood ist, dann werde ich das gerne lernen.“
Aber zurück zu Perini und zu Rao, Rao ist sehr bescheiden und eher wortkarg (wahrscheinlich wie die Mehrheit der Inder). Ich habe versucht, in kürzester Zeit einige Informationen über den Tanz und über ihn persönlich aus ihm herauszupressen: „Perini Tandavam“, (Perini ist der Telugudialekt von Prerana <Inspiration> in Sanskrit und Tandavam ist ein Männertanz für den Gott Nataraja <Shiva>) ist eine Wiederbelebung eines über 700 Jahre alten Tanzes, der nur von Männern solo oder in der Gruppe getanzt wird.
Das Outfit ist ziemlich glanzlos und bescheiden. Ein kurzes Veshti oder Dhoti bis über die Knie, Fußglöckchen, Armreifen. Die Bewegungen sind kraftvoll und präzise, und der gesamte Tanz kämpferisch, artistisch und mystisch. Ranee Kumar's Beschreibung: „Mathematische Präzision der Fußarbeit ist ein Highlight des Tanzes“ ist nicht übertrieben.

Vittal Rao tanzt vor dem Ramappa Tempel Bild: Privatbesitz

Vittal Rao im Gespräch mit ElhamRaks in Athen Bild: Cornelia Rother


Laut Geschichte oder Märchen (wer kann Geschichte von Märchen trennen und unterscheiden?) weiß man Folgendes:

König Ganapathi Deva von der Kakatiya Dynastie, die vor 700 Jahren über Warangal und Teile von Telangana (Südindien) herrschte, hatte keinen männlichen Nachfolger und erzog daher seine Tochter Rudrama Devi wie einen Jungen und ließ sie in Politik, kriegerischen Künsten und Regierung unterweisen. Vater und Tochter hielten Interesse an weiblichen Hobbys oder Unterhaltungsformen für eine Schwäche und einen Malus für einen richtigen Herrscher.
Andererseits hatte der Jaya Senapathi, der oberste Kommandant in der Königlichen Armee, trotz seiner Tätigkeit viel Interesse an Kunst, Musik, Tanz und Literatur. Er schrieb sogar drei Abhandlungen über Kunst, „Nritta ratnavali“, „Geetha ratnavali“ und „Vaadya ratnavali“. Kakatiyas beteten Shiva an. Jaya Senapathi's Tänze waren spirituelle Tänze, inspiriert von den kämpferischen Bewegungen, um „Gott Shiva“ hervor zu rufen.
Jaya Senapathi wollte seine Abhandlungen dem König widmen. Die Kronprinzessin, die den Tanz und den Kommandanten wegen seines Interesses am Tanz verabscheute, forderte Jaya Senapathi verächtlich auf, seine Abhandlungen zu demonstrieren. Auf den Wunsch der Prinzessin hin zeigten ausgebildete Jungen „veera natyam“ und begeisterten den König und die Prinzessin so sehr, dass König Ganapathi Deva diesen Tanz als Nationaltanz anerkannte, was auch von den nachfolgenden Herrschern der Kakatiya Dynastie aufgrund von Wertschätzung fortgesetzt wurde.
Der Tanz wurde zu einem Vorbereitungsritual der Kämpfer. Sie haben so lange vor Shiva getanzt, bis sie in einer Art Trance die Kraft des Gottes in sich fühlten.

Dr. Nataraja Ramakrishna Photo: fullhyderabad.com

Mit dem Niedergang der Kakatiya Dynastie geriet auch der Tanz in Vergessenheit und wurde erst nach über 700 Jahren von Nataraja Ramakrishna wiederbelebt.
Dr. Nataraja Ramakrishna war schon als kleines Kind vom Tanz fasziniert. Geboren in einer wohlhabenden Familie, war seine Begeisterung für den Tanz alles andere als vorteilhaft. Damals war Tanz ein Tabu in der Gesellschaft. Als seine Familie ihn aufforderte, sich eine angemessenere Beschäftigung zu suchen und den Tanz aufzugeben, entschied er sich für den Tanz und verlie゚ seine Familie.
Nach einer langen Tanzausbildung und inspiriert von den Skulpturen des Ramappa Tempels in Warangal erweckte er für sich die versteinerten Figuren zum Leben, womit ihm eine Wiederentdeckung des vergessenen Tanzes Perini gelang.
„Ich investierte viel Zeit und Mühe, um mir die Skulpturen beim Tanzen vorzustellen. Ich sa゚ Stunden mit angespannten, ausgestreckten Beinen, schloss die Augen zu, konzentrierte mich auf die Skulpturen und versuchte, mir den Sound, die Vibrationen, die ganze Kraft und ihre Wirkung auf den Körper vorzustellen. In dieser meditativen Trance visualisierte ich langsam die Tanzposen und sah die Figuren vor mir tanzen. So habe ich stufenweise den Tanz komponiert“, erzählt Dr. Ramakrishna. Diese Wiederbelebung von Perini Tandavam kostete ihn 14 Jahre seines Lebens.
Karkhani Rao, geboren in Adoni, Indien, ist an der Universität Hyderabad Master of Dance in Kuchipudi. Perini Shiva Tandavam hat er bei Dr. Ramakrishna höchst persönlich gelernt. Perini Tandavam hat er in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern vorgeführt und hat zahlreiche Preise gewonnen, u. a. 1997 die Goldmedaille von Nataraja Ramakrishna Seva Pathakam.

Seit 2004 wohnt Vittal Rao in Bangkok und unterrichtet in Bangkok und Hongkong (seine Unterrichtsstunden fangen um 6 Uhr morgens an!).

Sein Traum: ein Ballett von „Dasha Avatar“ (die 10 Inkarnationen vom Gott Vishnu) zu kreieren.


Bibliographie

http://www.hindu.com/yw/2003/09/20/stories/2003092001410300.htm
http://www.fullhyderabad.com/scripts/articles.php3?
http://www.khojhyd.com/arts/dance/perini.asp
http://www.india-tour-operator.com/andhra/dance2.htm
http://www.culturalcentreofindia.com/DanceStyles.html

21. "World Congress on Dance" in Athen

Freitag, 5. October 2007, von ElhamRaks

Der „21. World Congress on Dance Research“ (21. Weltkongress zur Tanzforschung) wurde dieses Jahr vom 5. - 9. September vom International Dance Council CID der Unesco und dem Dora Stratou Tanz-Theater in Athen veranstaltet.

Das Motto dieses Jahres „Tänzer ohne Grenze“, wurde der Größenordnung des Kongresses, der Anzahl und Nationalitäten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, dem breiten Spektrum der Tänze von Barok bis Ballet, von Orientalischem Tanz bis zum modernen Ausdruckstanz absolut gerecht.

Der Kongress verlief in verschiedenen Teilen: tagsüber Vorträge, Präsentationen und Workshops, sowie vielfältige Tanzperformances während der Abendveranstaltungen. Außer kleinen Katastrophen, welche die Griechen mit ihrer natürlichen Gelassenheit ganz locker und souverän in Ordnung brachten, war der gesamte Kongress perfekt organisiert.

2006 haben 700 Spezialisten aus 64 Ländern im Kongress teilgenommen. Dieses mal konnten nur 500 Künstler und Künstlerinnen kommen. Rund 150 Personen erschienen trotz Anmeldung nicht. Laut Professor Alkis Raftis, dem Präsidenten von CID, haben vielleicht einige ihre Reise wegen des Waldbrandes rund um Athen abgesagt, viele aber, vor allem jene aus den afrikanischen Ländern, bekamen kein Visum für Griechenland.

Eine Veranstaltung in dieser Größenordnung kann niemand ohne ein kompetentes und diszipliniertes Team organisieren und planen. Das betonte auch Prof. Raftis und bedankte sich herzlichst bei seinen über 40 freiwilligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Sie waren von Früh bis Spät auf den Beinen und kümmerten sich sehr liebenswürdig und geduldig um alle Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen: im permanent geöffneten Kongressbüro, bei Fragen zur Technik und kurzfristigen Planänderungen, bei den vielfältigen Vorträgen und Präsentationen, bei den Generalproben für die Tänzer und Tänzerinnen, hinter der Bühne und vor der Bühne, um dann mit vollem Elan und erst gegen Mitternacht noch selbst auf zu treten.

Bei den Aftershow-Parties zur Livemusik wurde das Motto des Kongresses „Tänzer ohne Grenzen“ nochmal besonders deutlich. Künstler und Künstlerinnen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Zuschauer und Zuschauerinnen aus allen Teilen der Welt tanzten bis sie doch noch eine Grenze erreichten -die Müdigkeit.

Der nächste Kongress wird voraussichtlich vom 2. - 6. Juli 2008 wieder in Athen stattfinden.