Nadya - die Grande Dame des Kostümnähens

Nadya

Freitag, 24. August 2007, von ElhamRaks

Jede orientalische Tänzerin im deutschsprachigen Raum kennt Nadyas Website: http://www.nadyas-naehtipps.de.

Gleich im ersten Jahr meines Aufenthalts in Deutschland bin ich dank Djamilas Infoseite auf diese sehr informative Quelle gestoßen und bin seitdem eine regelmäßige Besucherin der Seite. Es finden sich dort zweisprachig Tipps und Anleitungen zum Nähen (angefangen von Gürteln und Oberteilen, Schleiern, Röcken und Hosen bis hin zu Armstulpen), Turbanwickeln, Aufnähen von Strasssteinen und Pailletten, Verwenden von dekorativen Öffnungen in Kostümen, Beziehen von BHs, Nähen von Säumen. Außerdem gibt es interessante Links und Tipps zum Einkaufen, Farbberatung, Schminktipps und sogar Anleitungen zur Gestaltung einer Website.

Nur wer sich selbst mit der Gestaltung und Pflege einer Website beschäftigt, kann sich vorstellen, wie viel Zeit in einer gut gepflegten Website steckt. Diese wunderbare Website, die jetzt als freies Lexikon des Kostümnähens verwendet wird, was die Anzahl der Besucher von durchschnittlich über 50 pro Tag zeigt, ist trotz des Umfangs und den verschiedenen Rubriken sehr übersichtlich. Der Besucher findet alles sehr schnell und wird nicht in einem Labyrinth von Untermenüs und glitzernden Seiten mit viel Schnickschnack verwirrt.

Kostüm designed by Nadya

Mich hat es immer interessiert, wer diese Nadya eigentlich ist - die Dame, die ihr Wissen so großzügig umsonst für alle online stellt. Ich habe sie um eine Art elektronisches Interview gebeten, was sie auch nach einer kurzen Bedenkzeit akzeptiert hat. Dieses Interview hat dank der Erfindung des Jahrhunderts (Spamfilter) länger gedauert als ich gedacht habe.

Nadya ist bescheiden, vielleicht auch schüchtern. Zwischen ihren Zeilen konnte ich lesen wie sie rot wurde. Erst nach meinem hartnäckigen Betteln um Bilder für Beshkan hat sie mir erlaubt, ein paar Bilder aus ihrer Website zu verwenden. Nadya redet nicht viel über sich. Wenn es um andere geht, ist sie hilfsbereit und entgegenkommend und gibt ihre Nähkünste weiter, wenn es um sie selbst geht und darum, von sich zu erzählen, ist sie sehr zurückhaltend.

Beshkan: Wie lange tanzt du schon und wie bist du überhaupt zum orientalischen Tanz gekommen?

Nadya: Ich habe irgendwann in grauer Vorzeit mal einen Bericht im Fernsehen überBauchtanz gesehen. Eine Frau im Kostüm tanzte vor Publikum, und ich dachte ganz spontan: ”Das will ich auch!” Ich bin gleich vor den Spiegel und habe versucht, einen Kamelgang nachzumachen. Endlich ein Tanz nur für uns Frauen, ohne Tanzpartner!
Dann habe ich 1987 meinen ersten VHS-Kurs bei Mojgan Azarmi in Düsseldorf belegt und bin mit Begeisterung dabeigeblieben.

Kostüm designed by Nadya

Nach den ersten 1-2 Jahren bin ich sozusagen auf "Wanderschaft" gegangen und habe viele Workshops besucht, was mir hier im Düsseldorfer und Kölner Raum auch sehr leicht gemacht wurde. Es gab viele Kurse und Workshops von namhaften Tänzerinnen und Tänzern, und ich habe das Angebot genutzt. Schließlich bin ich in Köln bei Shahrazad hängen geblieben, wo ich 9 Jahre lang zuerst in ihrem Kurs und dann Mitglied vom Ensemble "Salomons Töchter" war. Es war eine wunderbare Zeit! Seit 2002 tanze ich nicht mehr. Nach einer Tour nach Wien mit der Tara-Show von Shahrazad fühlte ich: jetzt ist der richtige Zeitpunkt um aufzuhören. Ich habe eine tolle Zeit erlebt, ungefähr von der Mitte der Pionierinnen des OT bis zum Beginn der jetzigen, neuen und faszinierenden Welt des OT hier bei uns, raus aus dem Schmuddel-Image und rauf auf die Bühnen. Eine neue Generation von Tänzer/Innen hat den Staffelstab übernommen, es gibt viele unglaubliche, interessante, humorvolle und tolle Sachen zu sehen; ich bin sehr gespannt auf die Zukunft!

Kostüm designed by Nadya

Beshkan: Warst du eher eine Solotänzerin oder hast du lieber in der Gruppe getanzt?

Nadya: Ich war zu "meiner Zeit" eine recht ordentliche Solotänzerin und habe mich auch in Gruppen immer wohlgefühlt. Die Energie einer Gruppe ist etwas sehr aufregendes und spannendes und ich habe immer die Tänzerin rechts und/oder links von mir gespürt und das hat mich zusätzlich inspiriert.

Beshkan: Bist du auch als Lehrerin tätig oder nur als Tänzerin?

Nadya: Ich habe nie selbst unterrichtet. Mir war von Anfang an klar: das ist nicht mein Ding, meine Begabungen liegen nicht auf diesem Gebiet.

Beshkan: Was machst du beruflich? Du verdienst dir dein Brot nicht mit Tanzen und Nähen, oder?

Kostüm designed by Nadya

Nadya: Ich habe eine kaufmännische Ausbildung und einen recht guten Arbeitsplatz in der EDV als Cobol-Programmiererin. Das macht mir sehr viel Spaß, wir haben ein prima Arbeitsklima und immer neue Herausforderungen. Für diesen sicheren Arbeitsplatz bin ich in der heutigen Zeit auch sehr dankbar.

Beshkan: Wann hast du dein erstes Kostüm genäht bzw. entworfen und wie bist du auf die Idee gekommen, deine Kostüme selber zu nähen?

Nadya: Dieser Glitzerkram war mir damals völlig neu und fremd, und das Angebot war seinerzeit wenig bis nicht vorhanden. Wenn es einen Bazar in Köln bei Ishtar gab, stand man sich am Eingang die Beine in den Bauch, bis man eingelassen wurde. Es gab kein Internet, und so waren neue Adressen von Händlern mit Bauchtanz-Kleidung und -bedarf und Termine von Basaren heiß begehrt! Zu dieser Zeit habe ich das erste Mal von Farbtypen gehört. Ich habe eine Farbtypberatung gemacht und musste feststellen: ich als Sommer-Typ sollte die Finger von Farben wie Gold, Rot, Schwarz und Grasgrün lassen. Mein Interesse für Farben wurde dadurch geweckt. Ich war nie besonders schlank, und die damaligen türkischen Oberteile haben mir einfach nie gepasst. Und wenn dann mal eins passte, hatte es die falsche Farbe. So fing es also an: ich habe mir Anregungen

Kostüm designed by Nadya

gesucht, um für mich selbst ein Kostüm zu nähen. Und aufmerksam zugehört und diese Tipps umgesetzt. Für mein erstes Kostüm wusste ich die Farbe: Türkis und Silber. Dann bin ich losgegangen. Hier in Düsseldorf gibt es Tanzsport-Geschäfte und viele Stoffe in den großen Kaufhäusern. Perlfransen konnte man bestellen. Und der erste Auftritt im eigenen Kostüm bei Tante Ilses Geburtstag war ein tolles Erlebnis!

Beshkan: Hast du dein erstes Kostüm noch irgendwo im Schrank? Kannst du dich an dein erstes selbst genähtes Kostüm erinnern?

Nadya: Ich kann mich gut erinnern. Ich habe es oft und gerne getragen, es gibt auch noch Fotos davon. Später habe ich es an eine sehr nette Kollegin verkauft, die hoffentlich noch viel Spaß Freude damit hatte.

Beshkan: Bist du auch als Schneiderin ausgebildet?

Kostüm designed by Nadya

Nadya: Nein, ich bin keine gelernte Schneiderin. Wir hatten in der Schule Nähunterricht, und meine Tante ist Schneiderin. Ich habe sie oft um Rat gefragt, sie war mir manches Mal eine große Hilfe bei kniffeligen Problemen.
Es geht jedoch beim Anfertigen von einem Gürtel-Rohling und beim Beziehen eines BHs nicht so sehr um Schneiderkenntnisse. Auch einen Schleier und einen schmalen oder auch einen Teller-Rock bekommt man ganz gut ohne Schneiderlehre hin. Und das Besticken mit Perlen und Pailletten ist ganz einfach Handarbeit und eine Fleißaufgabe, die ich immer gerne gemacht habe. (Beshkan: Habe ich nicht erwähnt, Nadya sei sehr bescheiden!!!) Beshkan: Außer deiner Website, hilfst du auch anderen Tänzerinnen „physikalisch“ beim Kostümnähen?

Nadya:
Wenn mich jemand fragt, z.B. einen Gürtel anzufertigen und/oder einen BH mit einem bestimmten Stoff zu beziehen, mache ich das natürlich gerne. Auch wenn jemand eine bestimmte Vorstellung von seinem Kostüm hat, die ich erfüllen kann: warum nicht!

Beshkan:
Hast du auch Gruppenkostüme entworfen?

Nadya: Ich habe damals für Salomon's Töchter von Shahrazad bei der Herstellung von ein paar unserer

Kostüm designed by Nadya

Gruppenkostüme geholfen, habe auch einige selbst genäht. Heute habe ich zu einigen meiner ehemaligen Mit-Tänzerinnen noch Kontakt (z.B. Duo Karma ) und unterstütze die Gruppen bei der Umsetzung der Kostüm-Ideen für ihre neuen Tänze.

Beshkan: Wenn ich das richtig verstanden habe, dann bist du deine eigene Webmistress und hast auch eine Rubrik auf deiner Website: Website- Gestaltung. Wie schaffst du das, alles zusammen unter einen Hut zu bringen? Hast du eine Ausbildung, einen Workshop oder einen Lehrgang dafür gemacht?

Nadya: Nun, das kommt durch meinen Hauptberuf! Die Gestaltung bzw. Pflege von Websites ist ein Bestandteil unserer Dokumentation, und die Kenntnisse darüber habe ich teilweise dort erworben und mich auch privat weitergebildet.
Allerdings ist meine Homepage nicht sehr aufwändig gestaltet, sie ist eher informativ und funktionell und enthält wenig blinkenden Schnickschnack!

Beshkan: Du hast eine wunderbare Adresssammlung von Bezugsquellen auf deiner Website, von Pailletten

Nadya

und Borten bis hin zu Schmuck und Stoff. Wie pflegst du deine Seite und wie hast du damals, als Internet und Online-Shopping nicht so verbreitet waren, diese Waren gefunden und gekauft?

Nadya: Ich habe einfach angefangen mit den mir bekannten Adressen und die Sammlung ist kontinuierlich gewachsen. Die Geschäfte von damals haben heute fast immer auch ein Internet-Angebot, und ich habe immer Augen und Ohren offen gehalten für Tipps. Immer wenn ich irgendwo einen Link finde, schaue ich, ob das eine Ergänzung meiner Homepage sein könnte. Aber es melden sich inzwischen auch Shops bei mir und bitten um Aufnahme in diese Linksammlung. Das finde ich toll!

Beshkan: Was du auch sehr großzügig, sehr schnell und ohne Erwartung einer Gegenleistung machst. Ich kann mich genau daran erinnern, als ich dich um einen Link zu der deutschen Übersetzung von Davina's ”Hints and Tips for the Bellydance Costumer” auf meiner Website gebeten hatte. Der Link war schon nach ein paar Stunden - gegen Mitternacht! - auf deiner Seite und am nächsten Tag hatte meine Seite so viele Besucher wie noch nie!!
Bietest du auch Nähkurse und Näh-Workshops an?

Nadya: Das habe ich ein paar Mal versucht, es ist jedoch gescheitert. Ich kann auch nicht genau sagen, warum. Vielleicht geben die Leute ihr Geld lieber für ein Kostüm aus anstatt für einen Nähkurs. Und diejenigen, die wirklich selber nähen wollen, schaffen es auch ohne einen solchen Workshop. Dafür sind meine Tipps ja gedacht.

Beshkan: Was sind deine Pläne für die Zukunft? Hast du vor, irgendwann deine Kenntnisse als Buch zu veröffentlichen, um vielleicht auch ein wenig Geld daran verdienen, oder möchtest du weiter alles kostenlos für alle zugänglich machen, die sich dafür interessieren? (Wir wissen doch beide, es gibt zahlreiche andere, die ihr geringes Wissen teuer verkaufen!!)

Nadya: Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch gar keine Gedanken gemacht! (sie lacht) Der Gedanke, damit auch Geld zu verdienen, ist natürlich reizvoll. Meine Tipps werden weiterhin frei zugänglich im Internet verfügbar sein. Denn ich sehe die Stärken einer Internet-Seite gerade in der Möglichkeit, immer aktuell sein zu können. Man kann einfach ein neues Kapitel hinzufügen oder ein anderes ergänzen und neu strukturieren und ist immer aktuell. Gerade das schätze ich an den Möglichkeiten des world-wide-web.
Aber ich werde mich einmal über Bannerwerbung erkundigen, das ist vielleicht ein Weg.

Beshkan: Du hast deine Seite auch in Englisch, schreibst du auch die englische Version selber oder nimmst du Hilfe?

Nadya:
An Kleinigkeiten versuche ich mich selber, aber die große Übersetzung hat eine Tanzkollegin für mich gemacht. Allerdings muss ich mal wieder einiges ”nachpflegen”, es macht schon Arbeit, die beiden Versionen immer auf dem gleichen Stand zu halten. (B: Das kann nur der schätzen, der selber eine Website pflegt!!!)

Beshkan:
Laut deinem Zähler hat deine Website im Durchschnitt ca. 50 Besucher pro Tag, nicht nur aus deutschsprachigen Ländern, nehme ich an. Kannst du uns verraten, was für ein Gefühl das ist, wenn du siehst, dass du so viele Besucher hast?

Nadya:
Das ist schon ein sehr schönes Gefühl: ich gebe mein Wissen an andere weiter und meine kleine Seite hat sich recht weit im Netz verbreitet. Ich bekomme viele Rückmeldungen von Frauen, die sich einfach nur bedanken und das freut mich sehr. Manchmal bin ich verblüfft, eine mail aus Frankreich, Venezuela, Amerika oder Bulgarien zu bekommen, aber es fühlt sich toll an! Ich beantworte Anfragen gewissenhaft und so manche Mail mit Fragen oder Tipps hat dazu geführt, ein Kapitel auf meiner Website zu ergänzen oder gar ein neues zu schreiben. Und darum geht es mir auch: ich bin nicht allwissend, ich freue mich über jeden Hinweis von anderen, der mir hilft meine Seite (mit Quellenangabe des Tippgebers!) zu ergänzen.

Beshkan: Inwiefern hat der orientalische Tanz im Allgemeinen und das Nähen und Designen von Kostümen dein Alltagsleben beeinflusst?

Nadya: Als ich noch aktiv getanzt habe, ging ich 1-2 mal die Woche zum Training und hatte am Wochenende Auftritte und/oder Workshops. Ich war praktisch immer unterwegs. Das hat mir viel Freude bereitet, und die Anerkennung durch die Begeisterung der Menschen und deren Applaus haben meinem Selbstbewusstsein sehr gut getan und mich auch glücklich gemacht. Da ich nie eine große Partygängerin war, hat es mir nichts ausgemacht, an Wochenenden und z. B. an Silvester zu arbeiten, also zu tanzen, und nicht selbst feiern zu können. Ansonsten lese ich alle orientalischen Magazine und schaue mir gerne orientalische Shows an, die in der letzten Zeit sehr anspruchsvoll geworden sind, und ich habe meine Augen immer da, wo es glitzert!
Ich habe immer noch einen Fundus an Stoffen, Perlen und Pailletten und wenn ich irgendwo etwas interessantes sehe, was sich umsetzen lässt, dann macht es mir viel Freude, etwas Neues anzufangen und loszusticheln. Manches davon findet sich dann auf meiner Basar-Seite wieder.
Da ich keine Kinder und Haustiere habe, die versorgt werden wollen, habe ich durch die Kostüm-Näherei ein wunderbares Hobby, mit dem ich mir selbst und anderen Menschen eine Freude bereiten kann.

Beshkan: Ich danke dir für dieses interessante Interview und wünsche dir weiterhin viel Spaß und Erfolg!

Alle Bilder: Nadya Website / Privatsammlung
Ein herzliches Danke an Melanie Tilch, die diesen Artikel korrektur gelesen hat