Interview mit Morocco

Morocco

Dienstag, 30. Januar 2007
Interview von Kajira Djoumahna, Übersetzung ins Deutsche von Christa Bächer und Cornelia Rother

Als ich mich endgültig für die Veröffentlichung des Online-Magazins „Beshkan“ entschlossen hatte, schrieb ich eine Mail an Morocco und bat sie um ein Vorwort für die erste Ausgabe. Sie war irgendwo unterwegs, zwischen CID-Jahresversammlung, Workshops in Großbritannien, Marokko und Kairo beim „Raqia Hassan“ Winterseminar. Trotz ihrer zahlreichen simultanen Projekte, Aufgaben und Plänen (es ist sowieso ein Wunder, wie Morocco alles gleichzeitig schafft, vor allem wenn man - entschuldige Morocco, das ist die pure Bewunderung – an ihr Alter denkt) hat sie immer Mails und Fragen blitzschnell beantwortet. Leider schrieb sie, dass sie jetzt keine Zeit fände um für „Beshkan“ einen neuen Text zu schreiben, sie sei rund um die Welt unterwegs und arbeite über 16 Stunden pro Tag. Ich freue mich aber sehr, dass Morocco mir die Genehmigung erteilt hat, einen Teil eines Interviews, dass 1998 von Kajira Djoumahna geführt und in „Jareeda“ veröffentlicht wurde für Beshkan ins Deutsche zu übersetzten.
Morocco ist seit Jahrzehnten Tänzerin für orientalischen Tanz. Alles über ihre Laufbahn, ihr Können, ihre Schule, ihre Shows findet Ihr auf ihrer Homepage: http://www.casbahdance.org Das vollständige Interview in
englischer Sprache finden Sie auf der Website von Morocco und auf der Website von Kajira Djoumahna.
Außerdem im Online-Journal "The Hip Circle": http://www.thehipcircle.com, die Interview-Serie: „Ask aunt Rocky“.

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K: Sag uns bitte, warum du den Begriff „Bauchtanz“ für diese Kunstform strikt vermeidest und welche Begriffe Du vorziehst und warum?

M: Es gibt mehrere Gründe für meine Abneigung. Erstens, der Begriff ist anatomisch falsch! Bei diesem Tanz verwendet man sämtliche Muskeln des Körpers. Einfach nur eine Muskelgruppe als beteiligt darzustellen und diese dann auch noch zu verwenden um den ganzen Tanz zu beschreiben, reduziert die Fertigkeiten, das abwechslungsreiche Spektrum und die Komplexität des Tanzes auf ein Minimum. Zweitens, in keinem einzigen Land aus dem dieser Tanz stammt, wird ein Begriff benutzt, der die geringste Ähnlichkeit zum „Bauch“ hat.Dieser Begriff wurde von einem gewissen Sol Bloom, der Geschäftsführer der Midway-Ausstellung der Chicagoer Messe 1893 war, erfunden und verwendet. (Die Messe sollte 1892 im Rahmen des Columbus-Jubiläum stattfinden, wurde aber mit Verspätung eröffnet)
Herr Bloom war ein junger Man, der einige Jahre zuvor die Weltausstellung in Paris besucht hatte und dort von den nordafrikanischen Darstellern fasziniert war. Ich denke zum selben Zeitpunkt war er auf der Suche nach Vorführungen für die Chicagoer Messe. Er engagierte also diese Künstler zu kommen und aufzutreten. Bereits früher 1876 während der Centennial (Philadelphia-Messe) gab es verschiedene Künstler aus dem mittleren Osten, aber da sie als „ethnische Tänzer“ angekündigt wurden interessierte sich niemand für sie. Damals waren die Leute fremdfeindlicher als Heute, man schaute sich nichts „ethnisches“ an. Die Künstler die aus den Ländern des so genannten Mittleren Osten und dem Ottomanenreich stammten, waren keine Sensation und erhielten daher keine Aufmerksamkeit. Einige dieser Tänzerinnen wurden nach der Centennial-Messe vom Forrest-Theater in Philadelphia engagiert. Sie traten dort für mehrere Wochen vor fast leeren Stühlen auf. Die Sensation oder besser der Skandal wurde erst in Chicago ausgelöst nach dem Sol Bloom die selbe ethnische Vorführung nach Chicago holte und sie vermarktete. Herr Bloom war nicht zum Spaß im Geschäft; er musste Geld machen. War die Midway nicht erfolgreich war er es auch nicht.

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Damals war die viktorianische Ära auf ihrem Höhepunkt. „Arme“ und „Beine“ waren schmutzige Wörter, sprach man überhaupt von diesen Körperteilen musste das Wort „Glieder“ verwendet werden. Selbst wenn man ein Hähnchen aß, bat man um einen „Trommelstock“ anstatt um einen „Schenkel“. Auch Tische und Stühle hatten keine Beine sondern Glieder, und man bedeckte diese Tische und Stühle mit Rüschen und Deckchen, dass man sie nicht sehen konnte und nicht daran erinnert wurde dass sie Beine haben und schließlich darauf kam dass auch Menschen Beine haben, denn in diesem besonderen Moment hätten sie aufeinander zu gehen können diese Beine und merkwürdige und schreckliche Dinge tun können …man kann sich jetzt vorstellen was die Leute über das Wort „Bauch“ dachten! Die „Neue Welt“ litt damals unter Minderwertigkeitskomplexen und setzte voraus, dass alles was aus Europa kam besser war. Insbesondere alles französische, und man fantasierte die Franzosen seien gewagt, lasterhaft, taten verbotenes, was auch immer (kichert) aber auf jeden Fall waren sie fasziniert von ihnen. Die viktorianische Ära war außerdem die geilste Epoche, Sexualität wurde so sehr unterdrückt, dass die Menschen an nichts anderes mehr denken konnten. Meistens dachten sie darüber nach nicht daran zu denken. Es ist kein Zufall, dass es während dieser Zeit mehr Fälle von Kindesentführung und Missbrauch gab als zu irgendeiner anderen Zeit in der Geschichte dieses Landes inklusive Heute.
Also Solly, ein scharfsinniger Geschäftsmann wusste, dass er mit einem Titel der sexy klang, interessant und verboten viel mehr Geld verdienen konnte als mit etwas das sich „ethnischer Tanz“ nannte. Zurück zur Faszination Frankreich - die Franzosen, die in Nordafrika und insbesondere in Marokko, Tunesien und Algerien geforscht haben, hatten bereits einen „Ouled Nail“ Tanz, der sehr stark die Bauchmuskel benötigt gesehen. Dieser Tanz wurde „danse de ventre“ oder „Tanz des Bauches“ genannt. Alles, was mit der Körpermitte zu tun hatte wurde auch Bauch genannt. Solly übersetzte den französischen Begriff absichtlich falsch, da Französisch eine gewagte Sprache war. Er tat es um die Aufmerksamkeit auf seine Ausstellung zu lenken.

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Die Presse war damals noch schlimmer als Heute. Einiges was damals gedruckt wurde war so grässlich und rassistisch, dass man sich wundert, wie solcher Müll überhaupt veröffentlicht werden konnte. Aber sie taten es und noch schlimmer, die Menschen glaubten es weil es in der Zeitung stand.(Zu viele Menschen sind Heutzutage noch genauso naiv!). Er wusste, wenn er einen prickelnden Namen verwenden würde, würden die Zeitungen sich darauf stürzen, und er würde damit ein Vermögen verdienen. Das ist der Hintergrund warum er den Namen „Bauchtanz“ verwendete.
Laut Gerüchten, musste er die Werbeplakate in Chicago wegen unmoralischen Bilder dort entfernen wo sie Frauen und Kinder sehen konnten. Die Fantasie der Menschen brannte mit ihnen durch. Schlagzeilen im ganzen Land berichteten über schamlose Werbungen für „Midway Plaisance“ und „Street in Cairo“ in der Ausstellung. Die Werbung lautete: „kommt zu der „Straße in Kairo“ und schaut euch die aufregenden, eingeborenen Bauchtänzerinnen an“. Zuschauer stürmten in Scharen in die Ausstellung und Sol erhöhte den Eintrittspreis um das zehnfache. In einer Zeit, in der man für einem Dollar zwei Steak-Menüs von der Suppe bis zum Nachtisch bekam, verlangte er einen Dollar Eintritt.
Die Menschen standen Schlange um rein zu kommen. Dann verbot er den Eintritt für Frauen mit der Begründung, was da präsentiert werde, sei zu viel für ihre empfindlichen und sensiblen Nerven. Während die Männer die Show besuchten saßen die Frauen im Café, tranken türkischen Kaffee und rauchten Wasserpfeife (das war damals noch nicht verboten). Ich habe ein Bildband von 1894 mit Bilder der Messe. Die ethnischen Tänzerinnen waren von der Nase bis zu den Zehenspitzen bedeckt, Gott sei Dank, aber sie bewegten Muskel so wie wir es nie zuvor gesehen hatten! Das war absolut skandalös. Diese Bewegungen wurden auch von den Kritikern fehlinterpretiert, sie schrieben: „man sieht keine graziösen und eleganten Bewegungen der Glieder und keine Pirouetten wie beim Ballet.

Kajira Djoumahna

Das war kein Tanz sondern eine merkwürdige und kuriose Gymnastik.“ Also, ich nehme die Bezeichnung „Bauchtanz“ deshalb übel, weil an ihm der ganze Beigeschmack von Nebenbedeutungen klebt. Zu viele der Missverständnisse, darüber was der Tanz angeblich sei, bleiben bestehen. Die falsche Bezeichnung wurde geprägt von Rassismus und Ignoranz und wieder setzt er die Summe von Fertigkeiten die dieser Tanz mit sich bringt herab. Es gibt immer noch Menschen, die wann auch immer sich die Möglichkeit bietet, für ein paar Dollar oder wegen ihrer eigenen Unsicherheit, den kleinsten gemeinsamen Nenner befriedigen, was auch immer. Nach dem der ganze primitive Aufruhr abgeklungen war, gab es offensichtlich Darsteller die genau diese billige Sorte von Aufführungen weiter machten und dafür sorgten, dass der Tanz von vielen Schauplätze verbannt wurde.

Diese freiwillige Ignoranz und Fantasterei, die mit dem ganzen Phänomen einher geht existiert immer noch. Nicht mehr so extrem wie vor 47 Jahre als ich damit anfing, aber es existiert noch immer. Durch die falsche Bezeichnung bleiben dem orientalischen Tanz in der USA und anderen Ländern viele Schauplätze verschlossen. Er verursacht viele Schwierigkeiten in der Anerkennung dieser Tanzform als eine gültige, klassische, Folkloretanzform, was er ist.