Warum der Kalif Harun al Raschid Karl dem Großen einen Elefanten schenkt
Donnerstag, 19. April 2007, von Dr. Stefan Jakob Wimmer
http://www.stefan-jakob-wimmer.de

Im Jahr 797 nach christlicher Zeitrechnung, 4557 nach jüdischer und 175 nach muslimischer Zeitrechnung beginnen in Aachen drei Männer eine lange Reise: Die beiden fränkischen Gesandten Lantfried und Sigismund und der jüdische Kaufmann und Dolmetscher Isaak. Karl der Große, König der Franken, schickt sie zu Harun ar-Rashid, dem Kalifen von Bagdad. Fünf Jahre später, am 20. Juli 802, kehrt Isaak aus dem Orient zurück und wird von Karl, inzwischen durch Papst Leo III. in Rom zum Kaiser gekrönt, in Aachen feierlich empfangen. Er bringt ein seltenes und kostbares Geschenk des Kalifen mit: Abu-L-Abas, einen weißen indischen Elefanten. Lantfried und Sigismund haben die beschwerliche Reise nicht überlebt. Quelle: http://www.ex-oriente.com



Idealbild Karls des Großen mit erst lange nach seinem Tod hergestellten Teilen der Reichskleinodien, gemalt 1513 von Albrecht Dürer im Auftrag seiner Vaterstadt Nürnberg

Um das Jahr 800 n.Chr., im 2. Jahrhundert muslimischer Zeitrechnung, regierten im Morgen- und im Abendland zwei legendäre Herrschergestalten. Der fränkische König und neue Christenkaiser Karl der Große, dem es durch Geschick, durch Weisheit, aber auch durch maßlose Brutalität, gelungen war, ein vorher nicht sehr bedeutendes Germanenreich in kurzer Zeit über weite Teile Europas auszudehnen, sandte damals eine Delegation zu Harun al Raschid, dem Kalifen von 1001 Nacht, Beherrscher der Gläubigen im Zenit der glanzvollen Abbasiden-Dynastie, nach Bagdad. Der Gesandtschaft gehörte als Dolmetscher und Verbindungsmann zwischen den Welten ein Jude namens Isaak an. Er kehrte als einziger nach mehreren Jahren wieder zurück nach Aachen, und brachte Grüße und Geschenke des Kalifen an den Kaiser mit. Darunter war – weitaus am spektakulärsten – ein lebendiger Elefant. Er wurde zum Erkennungszeichen einer beeindruckenden Ausstellung, die unter dem Titel "EX ORIENTE - Isaak und der weiße Elefant" die Reise mit ihren Stationen Bagdad, Jerusalem und Aachen, und damit auch drei Kulturen und Religionen, anspruchsvoll thematisierte.[1] Der Frage nach einer möglichen Symbolik des ungewöhnlichen Diplomatengeschenks stellte sich die Ausstellung indes nicht.[2]

Für den Empfänger und seine Zeitgenossen mag sich freilich angesichts der unmittelbaren Wirkung und des unschätzbaren Wertes des mächtigen und ausgesprochenen exotischen Tieres gesteigert noch durch seine seltene und gewiss als besonders edel empfundene Färbung, ein Nachsinnen um eine tiefere Bedeutung erübrigt haben. Man wird es beeindruckt als Hinweis auf Macht und Reichtum des fernen Herrschers aufgefasst und sich wohl gleichzeitig auch des ausgefallenen Erweises von dessen Würdigung geschmeichelt gefühlt haben. Vielleicht sind moderne Gepflogenheiten, wonach man ausländische Potentaten gerne mit luxuriösen BMW- oder Mercedes Limousinen als Mitbringsel beeindruckt, entfernt vergleichbar. Ein weiterer Aspekt wird außerdem darin bestehen, dass sich Elefanten im Kampf als gefürchtete Kriegsmaschinen einsetzen ließen. Der Vergleich mit Panzern drängt sich auf. Demnach auch ein Rüstungsgeschenk. All das mag im Verständnis des Rezipienten durchaus eine bestimmende Rolle gespielt haben.

Harun ar-Raschid, Miniatur in Tausendundeine Nacht Harun ar-Raschid (* um 763 in Rayy?; † 809 in Tus in Persien, begraben in Maschhad) stammte aus dem Geschlecht der Abbasiden und war von 786 bis 809 Kalif. Harun und Karl trafen sich nie persönlich, unterhielten aber diplomatische Beziehungen, die wohl auf ältere fränkisch-arabische Kontakte zurückgehen, wenngleich davon nur in fränkischen Quellen berichtet wird. 798 empfing der Kalif eine fränkische Gesandtschaft, die 802 ins Frankrenreich zurückkehrte. Unter heutigen Muslimen, vor allem persischer Herkunft, ist er wegen seiner Brutalität und seines Lebenswandels umstritten, während er im Westen meist als märchenhafte Gestalt wahrgenommen wird und in vielen Geschichten der Sammlung Tausendundeine Nacht eine wichtige Rolle spielt.

Richten wir den Blick jedoch auf die Geberseite, so empfiehlt sich nach Assoziationen Ausschau zu halten, die in islamischem Umfeld mit dem Tier in Verbindung gebracht werden. Man braucht danach nicht lange zu suchen. Damals wie heute steht gläubigen Muslimen die Sure 105 vor Augen, die den Titel "Der Elefant" trägt. Als eine der letzten im Koran gehört sie zugleich zu den kürzesten und besteht aus nur fünf Versen. Deshalb ist sie gleichzeitig unter denen, die schon im frühen Kindesalter als erste gelernt werden, und selbst wer sie später nur noch gelegentlich repetiert, wird sie im Grundbestand des Memorierten behalten; man denke nur an Kinderlieder, die man in frühen Jahren auswendig gelernt hat: sie behält man ein Leben lang fest im Gedächtnis. So wird beim Bild des Elefanten jeder Muslim unweigerlich an die vertraute Sure erinnert, seinerzeit wohl nicht anders als heute.

Die Sure erinnert an ein Ereignis, das sie jedoch nicht ausführlich erzählt sondern als bekannt voraussetzt. Dies ist nicht ungewöhnlich für koranisches Erzählgut; auch auf viele aus der Bibel vertraute Geschichten nimmt der Koran zumeist nur Bezug, ohne sie im ganzen nach zu erzählen. Die islamische Tradition weiß von einem Feldzug eines christlich-äthiopischen Herrschers über Südarabien. Sein Name wird mit Abraha überliefert.[3]
Im Jahr 570 christlicher Zeitrechnung, das als "Jahr des Elefanten" in die historische Erinnerung der Araber Eingang fand, habe dieser Abraha, der selbst eine bedeutende Kirche als Wallfahrtszentrum im Jemen gestiftet habe, aus Rache wegen einer Schändung seiner Kirche und aus Neid auf die Ka'aba in Mekka mit ihrer Anziehungskraft auf vorislamische Pilger, den Entschluss gefasst, diese zu zerstören.

Nach islamischer Überlieferung war die Ka'aba vor ihrer Übernahme durch den Islam zwar durch die Installation heidnischen Götzendienstes zeitweise missbraucht, der Substanz nach aber von je her ein Heiligtum des Einen und Einzigen Gottes, das auf die Propheten Abraham und Ismael zurückgeführt wird. Abraha habe mit dieser Absicht eine Armee gegen Mekka angeführt, und dabei einen Kriegselefanten mitgeführt, dessen Name ebenfalls überliefert wird: Mahmud. Die Mekkaner hätten sich, angesichts des überwältigenden militärischen Aufgebots der Sinnlosigkeit gewaltsamen Widerstands bewusst, zu Verhandlungen mit dem heranziehenden Heer entschlossen, die auf ihrer Seite von Abd el-Muttalib geleitet wurden, dem Großvater des Propheten Mohammed.

Einer Tradition nach kam der Prophet selbst in eben diesem Jahr des Elefanten zur Welt [4], was den Ereignissen als Vorzeichen für die bevorstehende Erfüllung der Zeit zusätzliches Gewicht verleiht. Die Mekkaner erklärten gegenüber Abraha, dass sie seinem gewaltsamen Ansinnen nichts anderes entgegen zu setzen gedachten, als das Schicksal der Ka'aba in die Hände Gottes zu legen, und im übrigem auf dessen gerechten Willen, wie immer er auch ausfallen möge, vertrauten.

Turnowsky's Art-Postkarte, Tel Aviv. Aus: "Wunder der Schöpfung", 17. Jahrhundert

Und zur manifesten Demonstration göttlicher Macht kam es dann auch prompt: Vom Himmel her hätten Vögel – als Zeichen für über-menschliches und übernatürliches Wirken – das Angreiferheer mit Ziegelsteinen beworfen und auf diese Weise vollständig aufgerieben. Der Elefant Mahmud, berichtet die Erzählung weiter, habe schon vor dem Angriff die Verwerflichkeit der Operation erkannt, zu der er hätte missbraucht werden sollen, und sich standhaft geweigert, weiter in Richtung Ka'aba zu marschieren. Er steht in der Geschichte also neben seiner Natur als "Wunderwaffe" zugleich auch für das rechte Empfinden zwischen Gut und Böse, und für Verweigerung als Widerstand gegen Letzteres.

Der Text der Sure selbst lautet übersetzt: (1) Verstehst du es nicht,wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfuhr? (2) Hat Er doch ihre List führen lassen ins Nichts, (3) Und Vögel über sie gesandt scharenweise, (4) Sie zu bewerfen mit Steinen, gebrannten, (5) Und sie so wie abgefressene Halme gemacht.

Elefant, romanisch; Fresko von San Baudelio de Berlanga. 1te Hälfte des 12. Jh., Museo del Prado, Madrid. Abul Abbas († 810) war ein Elefant, der dem fränkischen Kaiser Karl dem Großen von Kalif Harun ar-Raschid geschenkt wurde. Er war der erste namentlich und urkundlich belegte Elefant nördlich der Alpen. http://de.wikipedia.org/wiki/Abul_Abbas

Dies mag vielleicht damit zusammenhängen, dass in der Region, in der eine bis in byzantinische Zeit zurück verfolgbare Tradition das Wirken Lots lokalisiert, am Südostufer des Toten Meeres nämlich, geologische Schichten markant hervortreten, die wie zusammen gebackene und überdies brandgerötete Steinpackungen aussehen. Im Vers 4 der Elefantensure kommt als wichtiger Aspekt dazu, dass sich das Wort "Ton", siğğîl, auf "Elefant", fîl, und auf die folgenden beiden Versenden fi-tadlîl ("ins Nichts") und abâbîl ("scharenweise") reimt. Der Ausklang des letzten Verses setzt sich davon markant ab, mit dem Partizip ma'kûl, ("abgefressen"), sodass sich auch das Bild von zunichte gemachter Saat, das der Text für das völlig aufgeriebene Heer wählt, primär lautlich-sprachlich motiviert erklärt.

Und nun kommen wir auch der sprachlichen Dramaturgie der kurzen Sure auf die Spur. Koranische Sprache greift ja ständig auf vielen unterschiedlichen Ebenen weit hinter die inhaltliche Aussage des Textes und über sie hinaus. In Übersetzungen kann immer nur die inhaltliche Ebene annähernd übertragen werden, was man beim Lesen von übersetzten Korantexten unbedingt verinnerlichen müsste. Richtig intoniert, wäre die Sure mit von Vers zu Vers ansteigendem Ton zu rezitieren, wobei die Endsilbe -îl jeweils besonders in die Länge gezogen und immer akzentuierter artikuliert wird, bis mit dem letzten Vers und dessen Auslaut -ûl die ansteigende Spannung abrupt abbricht und klanglich gewissermaßen zusammensinkt. Auf diese Weise wird im rezitierten Klangbild die Steigerung, die in der herannahenden Bedrohung durch das Heer liegt und ihr ganz unvermutetes Verpuffen nach gemalt. Zur Verdeutlichung ließe sich das Gesagte grafisch wie folgt in Umschrift darstellen:

"alam tara ... (1) tarmîhim bi-hiğâratin min siğğîl ... (2) wa-arsala 'alayhim tayran abâbîl (3) alam yağ'al kaydahum fî-tadlîl (4) ... kayfa fa'ala rabbuka bi-ashâb il-fîl (5) ... fa-ğa'alahum ka-'asfin ma'kûl"

Dr. Stefan Jakob Wimmer

Die Botschaft der Elefantensure wird also ganz unmittelbar zunächst darin zu erfassen sein, dass selbst der massivste Einsatz militärischer Hochrüstung den Aggressoren das Erreichen ihrer Ziele keinesfalls garantiert; dass freilich auch gewaltsamer Widerstand gegen drückende Übermacht wohl nur sinnlose Zerstörung zur Folge hätte, und sich im Angesicht heiliger Stätten eigentlich verbietet. A

ussagen von geradezu dramatischer Aktualität! Eine pazifistische Sure, wie es scheint, und man fühlt sich an Bibelstellen wie Sacharia 4,6 erinnert: "Nicht durch Heeresmacht, nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist!".[6]

An den Frankenkaiser gerichtet, wird mit dem Elefantengeschenk also – aus Sicht des Absenders – in erster Linie eine Mahnung zur Besonnenheit im Umgang mit Macht verknüpft gewesen sein. Der glanzvollste Herrscher seiner Zeit mochte der neuen, aufstrebenden Supermacht im Westen damit eine sehr subtile Warnung vor zu viel expansionistischem Übermut signalisieren. Ob dem Empfänger dieser Gehalt der Botschaft auch zugänglich war, darf freilich in Frage gestellt werden.

Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass Karl auch Kontakte zu Muslimen pflegte; jedenfalls hatte er in seinem Umfeld interkulturell kompetente Fachleute, wie wir aus Beispiel des Juden Isaak wohl schließen dürfen. Ob er aber dem möglichen Symbolgehalt des Geschenks tatsächlich nachgegangen ist, ob ihn die Frage überhaupt je beschäftigt hat, darüber wissen wir nichts.

Fußnoten

[1] Aachen 30.6.-28.9.2003. Dazu ist ein reich bebilderter Führer (W. Dreßen, G. Minkenberg, A.C. Oellers [Hgg.], Ex oriente. Geschichte und Gegenwart christlicher, jüdischer und islamischer Kulturen, Mainz 2003) sowie ein umfangreicher Katalog in drei Bänden (Dies., Ex oriente: Die Reise/Bagdad – Jerusalem – Aachen/Der Westen, Aachen 2003) erschienen. Die Freunde Abrahams besuchten die Ausstellung am 19. und 20.7.2003.

[2] Auch in der umfangreichen Begleitliteratur finden sich dazu keine Antworten. Lediglich ein knapper Hinweis, der Kalif habe den Kaiser mit dem Elefantengeschenk gewissermaßen stillschweigend zu seinem Vasallen erklärt, war in einer Texttafel der Ausstellung enthalten, ohne freilich eine Begründung für diese überraschende Deutung zu bieten.

[3] Die Gestalt ist auch außer-koranisch bezeugt, der Feldzug selbst allerdings nicht. Die Ähnlichkeit der äthiopischen Namensform mit "Abraham" kommt im Arabischen nicht zum Tragen, wo dieser ja Ibrahîm heißt.

[4] Historisch ist 632 als Jahr seines Todes, nicht aber das Jahr seiner Geburt, und somit auch nicht sein exaktes Alter, gesichert.

[5] Im Koran ist nur die Rede von einer namentlich ungenannten Stadt des Lot.

[6] Diese Maxime unterlegt der Engel im biblischen Text dem Bild des siebenarmigen Leuchters zwischen zwei Ölbäumen, dem das moderne Wappen des Staates Israel nachempfunden ist. Eine für die Tagespolitik unübersehbar tragische Brisanz gewinnt dabei die Frage des Engels: "Verstehst du denn nicht, was das bedeutet?" (frei übersetzt; wörtlich. "Weißt du denn nicht, was sie sind"?"); sie entspricht ziemlich genau den Anfangsworten der Elefantensure.

Quelle

Quelle: Blätter Abrahams. Beiträge zur interreligiösen Diskussion 3, 2004 (ISSN 1613-8384)
Dieser Text wurde in Beshkan mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Stefan Jakob Wimmer veröffentlicht. U.a. erschienen bei:
Blätter Abrahams. Beiträge zur interreligiösen Diskussion 3, 2004 (ISSN 1613-8384) www.freunde-abrahams.de